Ein Essay. Erster Teil.
Von Ella Greifer (Tel Aviv)
Die nach dem 11. September entstandene Situation gibt den Westeuropäern einiges zu denken. Alle offiziellen und inoffiziellen Vertreter Europas, einschließlich Diplomaten, Journalisten u.a.m. fassen unter lautem Gejammer und Gewinsel die Amerikaner bei allen Gliedmaßen und übrigen hervorstechenden Teilen, in der Hoffnung – nach der treffenden Bemerkung eines französischen Journalisten – „die Israelisierung des Konfliktes“ zu verhindern. Der Ausdruck ist ziemlich aufschlußreich.
„Um der Klarheit willen sind die Begriffe festzulegen. Wenn aus einem bestimmten Lande Bauern auswandern, die das neueroberte Land mit ihrer Hände Arbeit bebauen wollen, heißt es „Kolonisierung“. Wenn es aber Soldaten, Beamte und Kaufleute sind, die aus dem unterworfenen Land Profite zu schlagen beabsichtigen, heißt es „Kolonialismus“. Was für die Lokalbevölkerung schlimmer ist, ist eine andere Frage.“ (L. Gumilev: „Ethnogenese und die Biosphere der Erde“)
Um zu begreifen, zu welcher dieser beiden Klassen die Eroberung Palästinas durch Juden im 19. und 20. Jahrhundert zählt, muß man nicht übersinnlich begabt sein. Für Europa war es eine Periode des Kolonialismus, deswegen gebrauchten die Juden auch die allgemeinverbreitete Terminologie. Doch nicht Kolonialismus haben sie betrieben, sondern Kolonisierung. Die von Rothschild unterstützten ersten Siedler nutzten wohl die billige arabische Arbeitskraft, doch die Kibbuzniks, die sehr bald darauf das Sagen hatten, waren zwar bereit, den Arabern einen „Platz an der Sonne“ neben den Juden, nicht aber mit den Juden zusammen einzuräumen. Für die Araber war diese Variante keinesfalls die günstigere. Chaim Weizman schrieb damals: „Die Juden sind nicht deshalb gefährlich, weil sie die Fellachen ausbeuten, sondern deshalb, weil sie sie nicht ausbeuten“.
Wer erklärt mir also den gesamteuropäischen Wunsch, uns ausgerechnet den Kolonialismus in die Schuhe zu schieben? Weil sie uns nicht leiden können? Aber auch eine wahrheitsgemäße Beschreibung der Situation hätte zweifellos eine Erwähnung der arabischen Leiden und unserer Bosheit ermöglicht. Wozu müssen sie also eine zusätzliche Lüge erfinden?
Nicht weniger interessant sind die Vorwürfe, die uns in Durban gemacht worden sind. Diejenigen, die eine Gesellschaft „rassistisch“ nennen, in der Eheschließungen zwischen Einwanderern aus Äthiopien und Weißrußland möglich sind und sogar gefördert werden, haben wohl eine reiche Phantasie – aber kein Mensch merkte, daß in derselben Gesellschaft konfessionelle Schranken bestehen, die bisweilen verhindern, daß Mann und Frau zusammen auf demselben Friedhof begraben werden. Eine tatsächlich bestehende Diskriminierung wird nicht verurteilt – im Unterschied zu einer erfundenen.
Das Ziel der ganzen Veranstaltung ist also nicht einfach, die Juden anzuschwärzen (was diesmal auch ohne Lüge durchaus möglich wäre).Um zu begreifen, worum es geht, muß man die historische Entwicklung des Antisemitismus betrachten.
Jede neue Judenfressergeneration hat immer darauf bestanden, daß ihr Antisemitismus ein funkelnagelneuer und ganz anderer sei als der ihrer Vorgänger. Eigentlich dürfte er ja nicht einmal mit demselben Begriff bezeichnet werden, weil er andere Gründe, Erklärungen und Ursachen hat. Jawohl, bezüglich der Erklärungen muß ihnen recht gegeben werden.
Was hat z. B. die erhaben-theologische Gottesmordanschuldigung mit dem profanen Fall Dreyfus gemeinsam? Was hat die Brunnenvergiftung mit der Verschwörung zur Weltherrschaft zu tun? Auch unsere „kolonialen Eroberungen“ lassen sich kaum mit dem Christenblut im ungesäuerten Brot in Verbindung bringen.
Es gibt nur eine Eigenschaft, die all diesen Anschuldigungen gemeinsam ist: Sie sind alle nichts anderes, als Projektionen von Problemen und Stimmungen, die im jeweiligen Augenblick für die Christen selbst von Bedeutung sind, auf die Juden.
Der Vorwurf des Schlachtens von Christenkindern wurde nur solange erhoben, wie Menschenopfer in einigen entlegenen und unterentwickelten Gebieten der christlichen Welt tatsächlich noch vorkamen. (In Rußland geschah das zumindest bis Mitte des 19. Jahrhunderts.)
Die Brunnenvergiftung zur Zeit der großen Seuchen geschah tatsächlich, weil die Exkremente der Kranken, die auf die Straße hinausgeworfen wurden, wie es eben bei den Stadtbewohnern üblich war, ins Brunnenwasser durchsickerten.
Vor dem ersten Weltkrieg schickten Deutsche und Franzosen einander eine Menge Spione auf den Hals, wobei einige Offiziere durchaus ihre Fähigkeit zum Hochverrat unter Beweis gestellt haben.
Und schließlich sind die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ nicht zufällig zur Zeit des Kampfes der Großmächte um die Weltherrschaft entstanden.
Die Juden führten inzwischen, soweit es möglich war, ihr eigenes Leben, waren bei weitem nicht immer chevaliers sans peur et sans reproche, aber kein Mensch, außer ihnen selbst, hat sich je für ihre wirklichen Sünden interessiert. In der antisemitischen Literatur sind nur und ausschließlich christliche Sünden beschrieben. Auch heute wird diese Tradition erfolgreich weitergeführt.
Den Juden anzuschwärzen ist im Grunde nie Selbstzweck gewesen, sondern geschah immer nur, um sich selber weißzuwaschen. Warum sich dafür interessieren, was auf israelischen Friedhöfen vorgeht oder auch nicht, wenn weder in Europa noch in dessen ehemaligen Kolonien solche Probleme je aufgetaucht sind? Hingegen ist der Rassismus höchst virulent, also wird er schnellstens auf die Juden abgewälzt – so sind wir, die Christen, dieser Sünde ledig!
Die beschriebene Gesetzmäßigkeit (die antisemitischen Aktivitäten werden nicht durch pure Judenfeindlichkeit hervorgerufen, sondern durch die bei den Christen selbst bestehenden Probleme) hat zur Folge, daß diese Probleme nie wirklich zu Bewußtsein kommen, geschweige denn eine Lösung finden können.
Es ist durchaus machbar, die Juden wegen einer Seuche aus der Stadt zu vertreiben, die Krankheit aber werden sie nicht mitnehmen. Alfred Dreyfus kann zwar verurteilt werden, das hindert aber die Deutschen nicht daran, die französischen Generalstabsgeheimnisse auszukundschaften. Die russischen Pogromrechtfertigungen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts (die Juden seien selber schuld) können noch so oft wiederholt werden, die kommende Revolution mit dem darauffolgenden halben Jahrhundert totalitärer Massenmordherrschaft wird dadurch nicht verhindert.
Hoffnungslos ist auch die heutige westeuropäische Hoffnung, Israel als „Lösegeld“ für die eigene Sicherheit den Mördern vor die Füße zu werfen. Selbst durch die Vernichtung Israels kann die „Israelisierung“ der Situation nicht verhindert werden, denn ihre Ursachen sind genauso mythisch und gleichzeitig real, wie die des Antisemitismus selbst.
(Zweiter Teil folgt.)




3 Kommentare
Den im Westen anzutreffenden Antisemitismus auf Bedürfnisse “der Christen” zurückzuführen, lässt auf eine ziemlich begrenzte Einsicht des Verfassers in die heutige Struktur westlicher Gesellschaften schließen…
“Die Christen” von heute sind tatsaechlich weitgehend dechristianisiert, aber sonst… worauf wuerden Sie denn denselben Antisemitismus zurueckfuehren?
Ich finde den von Frau Greifer vorgetragenen Erklärungsansatz spontan einleuchtend.