Warum warnen manche Europäer so vehement vor einer “Israelisierung” des Konflikts mit der islamischen Welt? Wo liegen die Ursachen dieser “Israelisierung”? Ein Essay. Zweiter und letzter Teil.
(Erster Teil hier.)
Von Ella Greifer (Tel Aviv)
Zunächst einmal erinnern wir uns nochmals an Durban. Ich brauche wohl nicht zu beweisen, daß alle dortigen Anschuldigungen Israels Lügen waren, doch war Israel nicht allein. Wir hörten auch, daß der reiche Westen den Armen „Schmerzensgeld“ für die frühere Sklaverei zahlen soll. Wie ist das zu verstehen?
Die Tatsache selbst ist unbezweifelbar: Die Afrikaner wurden zu Tausenden gefangengenommen, versklavt und nach Amerika transportiert. Es bleibt heute nur, die Verbrecher zu benennen, die jahrhundertelang diese Menschenjagd praktizierten. Das waren nämlich die Araber, und zwar seit der vorislamischen Zeit bis auf den heutigen Tag.
Erst nach der Entdeckung Amerikas sind die Europäer auf die Idee gekommen, daß schwarze Sklaven sehr gut auf dortigen Plantagen gebraucht werden können. So entstand die Kette: Die Araber in Afrika veranstalteten ihre Menschenjagden oder kauften gar Gefangene aus den Stammeskriegen und trieben sie zum Hafen, wo die lebendige Ware von jüdischen und christlichen Kaufleuten erworben, nach Amerika transportiert und dort an die christlichen Plantagenbesitzer zwecks Ausbeutung an Ort und Stelle weiterverkauft wurde.
Nach der französischen Revolution wollte die christliche Welt das nicht mehr dulden, langsam hat sie die Sklaverei abgeschafft und die Sklaven befreit. Die Juden haben selbstverständlich den Handel mit dieser nicht mehr gefragten Ware sofort eingestellt. Und die Moslems? Ja, bei ihnen gab es auch Veränderungen. Die Anzahl der zu fangenden Schwarzen wurde drastisch gekürzt, man jagte nur noch so viele, wie für die Deckung des eigenen Bedarfs erforderlich waren. Anfang des 20. Jahrhunderts hat Antoine de Saint-Exupéry schwarze Sklaven bei den Sahara-Beduinen kennengelernt, und der neulich durch die katholische Kirche seliggesprochene Charles de Foucauld war damals empört über die Gleichgültigkeit der französischen Kolonialverwaltung. Dieselben Methoden werden immer noch praktiziert, z. B. im Sudan, wo der moslemische Norden den heidnischen, teilweise christlichen, Süden als Jagdrevier und Sklavenquelle nutzt.
Das war aber für die ehrenwerte Durban-Gesellschaft kein Grund, von den modernen und ewigen Sklavenhalter eine Entschädigung zu fordern. Sondern nur von denjenigen, die die Sklaverei nicht selbst erfunden und nach einer nicht allzu langen Zeit bei sich zuhause aus freien Stücken abgeschafft haben.
Aber vielleicht ging es eigentlich nicht so sehr um die Sklaverei, sondern um die koloniale Ausbeutung? Damit haben die Araber gerade nichts zu tun, sind ja selber ehemalige Kolonien. Mal sehen:
Sagen Sie mir bitte, wann sind die „Kolonialvölker“ am wohlhabendsten gewesen: in der vor-, der nachkolonialer Zeit, oder – eben dazwischen? Die Antwort ist eindeutig: Mit Ausnahme derjenigen Länder, die im Erdöl schwimmen, war die wirtschaftliche Lage zur Kolonialzeit die bessere. Selbst die OPEC-Herren haben ihren Reichtum dank des verfluchten Kolonialismus entdeckt, vordem sind sie bettelarm gewesen. Bei den Gruselmärchen über die bösen Kolonisatoren, die irgendwo in Afrika die Bodenschätze ausbeuten und die rechtmäßigen Besitzer berauben, sollten wir nicht vergessen, daß diese rechtmäßigen Besitzer von diesen Schätzen normalerweise keine Ahnung hatten, soweit diese in ihrer Wirtschaft, so wie sie war, keine Verwendung finden konnten.
Selbstverständlich waren die Kolonialherren keine großen Wohltäter, doch es lag in ihrem eigenen Interesse, Arbeitsstellen zu schaffen, was automatisch das örtliche Lebensniveau erhöhen mußte. Natürlich können ihre Untaten, wie z. B. die Vernichtung der nationalen Kultur oder die Zerstörung der Gesellschaftsstruktur kaum durch Geld kompensiert werden, aber soweit es um Geldforderungen geht: nichts zu machen, ist längst ausgezahlt.
Aber möglicherweise geht es nicht einmal um den Kolonialismus? Nicht diese alten Geschichten sind von Bedeutung, sondern die heutige Reichtumsverteilung in der Welt, die so unerträglich ungerecht ist?
Dies wäre nur glaubwürdig, wenn der Haß der Armen auf die Reichen gleichmäßig verteilt wäre oder zumindest diejenigen am verhaßtesten wären, die am wenigsten geben. In Wirklichkeit ist es aber gerade umgekehrt: Die reichen Araber (z. B. die Saudis) geben nur ihren Glaubensgenossen, (und auch diesen Gegenüber sind andere spendabler, z. B. die EU gegenüber den Palästinensern). Hingegen geben Europa und Amerika allen Notleidenden, zwar nicht soviel wie diese gern hätten, aber immerhin mehr als gar nichts, auch die UNO-Ausgaben werden von ihnen finanziert. Von einem Bin-Laden ist selbstverständlich keine Armenunterstützung zu erwarten, der hat keinen Groschen frei. (Wißt ihr eigentlich, was heutzutage einem anständigen Terroristen die ganzen Bomben zu stehen kommen?) Und dennoch hatte er nach dem 11. September all die Armen an seiner Seite.
D. h.: die in Durban dem „Norden“ gemachten Vorwürfe sind nicht weniger erlogen als die Anschuldigungen gegen Israel. Zu spät ist es, die „Israelisierung“ zu verhindern, weil sie bereits Tatsache ist. Die Europäer versuchen noch traditionsgemäß, ihre Sünden und Probleme auf die Juden abzuwälzen, ohne zu merken, daß sie selber in den Augen der „Dritten Welt“ bereits dieselbe Sündenbockfunktion erfüllen. Anstatt die erfundenen „Kolonialverbrechen“ Israels wiederzukäuen, sollten sie lieber die von ihm wirklich begangenen Fehler beachten – und wir unsererseits versuchen inzwischen festzustellen, was das eigentliche Problem des „Südens“ ist, welches er mit Müh und Not auf den „Norden“ abwälzt.
Der „Süden“ ist arm, der „Norden“, wie gesagt, reich. Zwar können es die Reichen des Südens durchaus mit denen des Nordens aufnehmen, aber der Unterschied besteht hauptsächlich unter den Armen hier wie dort: Der letzte Drogenabhängige in München ist wohlhabender als ein fleißiger Arbeiter irgendwo auf den Philippinen. Warum? Die öffentliche Meinung sagt, der Norden beraube den Süden und lebe von dessen Hände Arbeit, was durch die enormen Profitsummen der Multinationalen in der Dritten Welt bestätigt werde.
Und niemand merkt, daß, sobald ein gewisses, sagen wir, afrikanisches Land diese Blutsauger hinauswirft und ihre Profite enteignet, um sie gerecht zu verteilen, sich umgehend herausstellt, daß nichts mehr zum Verteilen bereitsteht. Zusammen mit den Blutsaugern verschwinden auch ihre Profite. Zurück bleibt nur dann etwas, wenn diese Profite durch die Ausbeutung von Naturschätzen, nicht der Arbeitskraft der Bevölkerung, entstanden sind. Die Südländer, die im Besitz solcher Schätze sind, werden dann reich (so wie es mit dem Erdöl der Fall war), aber der Norden ist gerade nicht in Besitz solcher Schätze. Wo kann denn sein Reichtum sonst herkommen?
Die Frage ist nicht besonders schwierig. Der „Norden“ produziert nicht nur mehr, sondern grundsätzlich anders als der „Süden“. Ich meine nämlich nicht die Qualifikation der Fachkräfte, sondern die Wertehierarchie der entsprechenden Gesellschaft – die Verwaltung, die den Eigentumsbesitzer nicht ausraubt, sondern in Schutz nimmt, die Kleinfamilie, die den Erfolgreichen nicht zwingt, seinen Gewinn unter hundert Hungrigen zu teilen, kurz und gut, wie es von Karl Marx schon längst erklärt worden ist, entsprechende „gesellschaftliche Verhältnisse“, wie sie im „Norden“ eben bestehen.
Aber vom Himmel sind sie ihm nicht zugefallen. Es lohnt sich wirklich, „das Kapital“ zu lesen, um sich zu erinnern, was sie Europa gekostet haben: Religions- und Bürgerkriege, Revolutionen, Produktionskrisen, Zerfall von Familien und „idyllischen“ Dorfgemeinschaften, Kriminalität … Umsonst gibt es auf dieser Welt keinen Kuchen, seinen heutigen Reichtum hat der „Norden“ lange sammeln und teuer bezahlen müssen.
Der „Süden“ hingegen, ob es sein Glück oder Unglück ist, hat solche Erfahrungen in der vorkolonialen Zeit nicht gemacht. Übrigens darf in diesem Sinne der „Süden“ gar nicht als eine gleichförmige Einheit betrachtet werden. Es gibt in seinen Reihen Völker und Länder, die diesen Weg bereits betreten haben (z. B. Brasilien oder Südkorea) und ihn offensichtlich bis zum Ende gehen werden, mit all den dazugehörenden Krisen und Revolutionen. Zweifellos werden sie einmal reich, doch „einmal“ heißt nicht „heute“, auch kriegen sie das große Los nicht umsonst.
Die dramatische Situation der Dritten Welt wurde mir klar, nachdem ich dem Vortrag einer linksorientierten afrikanischen Dame beiwohnte. Sie hat nämlich über den Fall der Kaffeepreise, der den Afrikanern so viele Leiden zufügt, erzählt, und ich stellte ihr nach dem Vortrag die Frage: „Wozu müssen Sie denn überhaupt den verfluchten Kaffee pflanzen, wenn der Boden Ihr Eigentum ist? Können Sie denn nicht die multinationalen Schweine zum Teufel schicken und die Plantagen in Lebensmittelacker verwandeln? Vor der Kolonisierung haben Sie doch ohne jeglichen Kaffee gelebt!“ Und es antwortete mir die Dame mit tiefem Seufzer und traurigem Blick: „Aber so wie vor der Kolonisierung wollen wir selber nicht mehr leben“.
Wie früher geht es nicht mehr, aber so wie im „Norden“ geht es noch nicht. Nicht weil sie dumm oder faul wären, sondern weil die Geschichte kein Schnellzug ist. Der langwierige Vorgang der inneren Umstrukturierung kann durch keine hochentwickelte Technik ersetzt und von keinem hochqualifizierten Entwicklungshelfer diktiert werden. Es gibt nämlich keinen einheitlichen, für alle passenden „Entwicklungsweg“, es hat ihn nie gegeben. Deutschland entwickelte sich anders als Frankreich, die japanischen Methoden werden von den Amerikanern nicht akzeptiert, und kein Mensch kann im voraus sagen, wie jedes konkrete Land seinen Fortschritt erreichen soll.
Nicht mal das Geld kann helfen, nicht mal großes Geld. Gerade die reiche arabische Welt befindet sich im Moment in einer Krisensituation wegen der Zersetzung der alten patriarchalen und der Entstehung der neuen industriellen Gesellschaft. Auf dieser Entwicklungsstufe haben die Europäer alle 10 Jahre ein paar Revolutionen gemacht, dazwischen die ganze Welt kolonisiert und Amerika erschaffen. Heutzutage zerbrechen eben diese Europäer sich den Kopf, was den Arabern bloß fehlen könnte. Vielleicht sollte man ihnen mehr Geld geben? Obwohl das ganze Geld, das heutzutage in arabische Hände gelangt, hauptsächlich für Waffen ausgegeben wird.
Nicht zufällig gehören heutzutage die „Protokolle der Weisen von Zion“ in der arabischen Welt zur beliebtesten Lektüre. Es zeugt von einem regen und praktischen Interesse an der Weltherrschaft, die sie natürlich in Wirklichkeit nicht den Juden, sondern denjenigen, denen sie wirklich gehört, streitig machen wollen.
Nicht im Ausmaß des Reichtums sondern in der Gesellschaftsstruktur sollte der Unterschied zwischen dem „Norden“ und dem „Süden“ gesucht werden. Das ist der wahre Inhalt des vielberedeten „Krieges der Kulturen“. Nicht ums Geld wird da gekämpft (davon haben die Araber genug und übergenug!), nicht um die lumpigen paar Quadratkilometer Grund und Boden, nicht mal um der unglücklichen Palästinenser willen (denen schon längst viel billiger und wirksamer hätte geholfen werden können), sondern um die Weltherrschaft, die nicht teilbar ist.
Die europäische Linke kann sich noch so viel Mühe geben, sich selbst und den anderen vorzumachen, daß der arabische Haß auf den Westen durch die Unterstützung der bösen Israelis hervorgerufen werde. In Wirklichkeit wird ihr Haß auf Israel durch dessen Zugehörigkeit zum Westen hervorgerufen, der für sie der wirkliche Feind und Widersacher ist.
Die Europäer verstehen nicht, daß sie heutzutage von der Dritten Welt genauso zu unrecht für alle Probleme verantwortlich gemacht werden, wie sie es selber immer mit den Juden getan haben. In diesem Falle helfen keine Rechtfertigungen, keine „Wirtschaftshilfe“, keine Demonstrationen des guten Willens – nichts. Von Hitler sind sie einst durch Stalin, von Stalin durch die Amerikaner befreit worden. Aber das gehört alles der Vergangenheit an. Was blüht ihnen in der Zukunft?


