Von Beate Klein
Andrei S. Markovits ist in Rumänien geboren und 1960 in die USA ausgewandert. Er pendelt seit seinem 12. Lebensjahr zwischen den USA und Europa und ist mit den Verhältnissen auf beiden Seiten des Atlantiks bestens vertraut. 1971 wurde er amerikanischer Staatsbürger und unterrichtet Soziologie und Politikwissenschaften an der University of Michigan in Ann Arbor.
Im ersten Satz seines Vorwortes schreibt Markovits: „Was Umfragen behaupten, bestätigt jede Europareise: Die Aversion gegenüber Amerika wird größer, lauter, entschiedener. Sie eint die Westeuropäer inzwischen mehr als jede andere politische Emotion – die gemeinsame Antipathie gegenüber Israel ausgenommen:“
In einem historischen Rückblick zeigt Markovits, daß Antiamerikanismus in Europa nicht durch die Präsidentschaft Bushs hervorgerufen wurde und kein neues Phänomen ist. Vielmehr gab es keinen historischen Abschnitt, in dem europäische Intellektuelle, Literaten und Eliten den Vereinigten Staaten nicht mit großen Vorbehalten begegnet wären – bereits lange bevor die USA zu einer globalen Macht geworden waren.
Im Gegensatz zur negativen Einstellung der Eliten wurde Amerika von den europäischen Massen über lange Zeit als etwas Faszinierendes und Verlockendes angesehen, ein Land, das Millionen von Europäern anzog.
Neu in der Geschichte – und hieran hat nach Ansicht von Markovits die Bush-Regierung einen bedeutenden Anteil – ist die Tatsache, daß zum ersten Mal in der Geschichte ein breiter Konsens zwischen den Ansichten der Eliten und der Massen in ihrer Antipathie gegen alles Amerikanische besteht. Kein westeuropäisches Land, keine soziale Schicht oder Altersgruppe ist mehr davon ausgenommen. „Amerikanisierung“ ist ein Schimpfwort geworden, „amerikanische Verhältnisse“ sind eine Bedrohung, die uns allerorten begegnet: in der Sprache, im Sport, in der Arbeitswelt, der Bildung, im Recht, in der Medizin, der Gesundheit, der Kultur und natürlich in der Kriminalität – amerikanische Verhältnisse überall.
Dieser Haß auf alles „Amerikanische“, der Europa in einer nie dagewesenen Weise eint und die öffentliche Meinung gleichgeschaltet hat wie nie zuvor, hat mit konkretem Handeln Amerikas oder der Amerikaner nicht zu tun. Letzteres ist vielmehr völlig gleichgültig geworden. „Damned if you do, damned if you don`t” ist ein in diesem Zusammenhang anhand vieler Beispiele oft zitierter Satz. Der „häßliche Amerikaner“ ist – wie Markovits schreibt – eine viel legitimere und viel weiter verbreitete Leitfigur in den europäischen Medien geworden, als der „häßliche Deutsche“ es jemals war.
Leidenschaft für ihr gemeinsames europäisches Projekt entwickeln Europäer stets nur dann, wenn Amerika ins Spiel kommt. Markovits bezeichnet diese Art des Zusammenwachsens Europas einzig auf der Grundlage, Gegenpol zu Amerika zu sein, sehr treffend als „Europatümelei“. Amerika wird als eine Art „Gegeneuropa“ aufgebaut, als ein monströses, furchterregendes Gebilde, das so ist, wie Europa niemals werden darf: kulturlos, unsozial, übermächtig, aggressiv und völlig unberechenbar. Europa dagegen ist voller sozialer Wärme, Kultur und von einer unendlichen Friedensliebe erfüllt. Die Tatsache, daß die USA doch ein durch und durch europäisches Projekt sind, wird dabei völlig ausgeblendet. Und so liegt die Geburtsstunde Europas zwangsläufig nicht etwa im Ende des kalten Krieges und dem Fall der Berliner Mauer, welcher in Paris und London eher Besorgnis auslöste, sondern in den großen gesamteuropäischen Massendemonstrationen gegen den Irak-Feldzug. Im „Nicht-Amerika-sein-Wollen“ solidarisieren sich europäische Massen und Eliten.
Gemeinsam mit dem neuen, alten europäischen Antiamerikanismus und als Zeichen der „neuen Unbefangenheit“ erstarkt ganz ungeniert ein neuer, alter Antisemitismus und Antizionismus. Markovits zeigt, dass es salonfähig geworden ist, mit dem Slogan „Bush = Scharon = Hitler“ gleichermaßen gegen die USA, Israel und die Juden zu polemisieren.
Fazit: Ein richtig gutes Buch, das viele interessante Fakten liefert und sich sehr gut und flüssig lesen läßt. Der positive Eindruck des Buches wurde für mich nur durch die Art etwas getrübt, in der Markovits von Anfang bis Ende immer wieder seine tiefe Abneigung gegen Präsident Bush zum Ausdruck bringt. Ich denke, das dürfte wohl jeder Leser bereits nach dem Vorwort begriffen haben.




2 Kommentare
Es wirkt auch ziemlich penetrant, daß Markovits zu Anfang erst einmal sein ganzes linkes Glaubensbekenntnis herunterbetet, um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, ein Neocon zu sein. Außerdem fällt unangenehm auf, daß er linke Kritik an der US-Gesellschaft (hohe Arbeitslosigkeit, Rassismus, soziale Kälte, Entfremdung, kein Kündigungsschutz usw.) inhaltlich in Schutz nimmt und die USA bloß für die falsche Adresse hält (man solle diese berechtigten Vorwürfe doch lieber “dem Kapitalismus” machen), während liberale Kritik (an Multikulturalismus, political correctness, affirmative action, der Klageindustrie, den Auswüchsen des Feminismus usw.) für ihn Antiamerikanismus sui generis ist. Das wirkt weder besonders redlich noch besonders überzeugend. Wer vom Antiliberalismus nicht reden will, sollte auch vom Antiamerikanismus schweigen.
Quote aus einem Aufsatz von Markovits zum gleichen Thema:
Indeed, as demonstrated by regular public opinion surveys
since the early 1960s, a solid majority of Europeans have expressed positive views of America, with only
about 30 percent holding negative ones. Tellingly, the higher one proceeds on the social scale of the
respondents, the greater the quantity of negative attitudes towards America becomes. As such, anti-
Americanism is arguably one of the very few prejudices in contemporary Europe which correlate
positively with education and social status: the higher the education the greater the prejudice.
Er arbeitet z.Zt. an einem dickeren Buch zu diesem Thema.