Gottlose Moral

Über den Verteiler der örtlichen JuLis erreicht mich ein spannender Artikel:

Ist Religion eine Voraussetzung für Moral? Viele Menschen betrachten es als ungeheuerlich, ja, sogar als gotteslästerlich, den göttlichen Ursprung der Moral zu leugnen. Ihrer Ansicht nach schuf entweder ein göttliches Wesen unser moralisches Empfinden, oder wir eigneten uns dies über die Lehren organisierter Religion an. In jedem Fall aber bräuchten wir die Religion, um der Lasterhaftigkeit der Natur Zügel anzulegen. In Anlehnung an Katherine Hepburn in dem Spielfilm African Queen könnte man es so formulieren: Die Religion ermöglicht es uns, uns über die die gottlose alte Mutter Natur zu erheben, indem sie uns einen moralischen Kompass reicht.
[...]

Betrachten Sie die folgenden drei Situationen. Ersetzen Sie für jedes von ihnen die Leerstelle durch „Pflicht“, „zulässig“ oder „verboten“.

1. Ein außer Kontrolle geratener Güterwaggon ist kurz davor, fünf auf den Gleisen befindliche Personen zu überrollen. Ein Eisenbahnarbeiter steht neben einem Schalter, mit dem er den Waggon auf ein Nebengleis verschieben kann. Dabei würde eine Person getötet, die fünf anderen jedoch würden überleben. Das Umlegen des Schalters ist _______.

2. Sie kommen an einem flachen Teich vorbei, indem gerade in kleines Mädchen ertrinkt. Sie sind die einzige andere Person in der Nähe. Falls Sie das Mädchen aufheben, wird es überleben, aber Ihre Hosen sind ruiniert. Das Kind aufzuheben ist _______.

3. Fünf Menschen wurden gerade in kritischem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert. Jeder von ihnen benötigt eine Organtransplantation, um zu überleben. Die Zeit reicht nicht aus, um die betreffenden Organe von außerhalb des Krankenhauses anzufordern, aber im Wartezimmer des Krankenhauses befindet sich ein Gesunder. Falls der Chirurg dessen Organe entnimmt, so wird er sterben, aber die Fünf auf der Intensivstation werden überleben. Die Entnahme der Organe der gesunden Person ist _______.

Falls Sie Fall 1 als zulässig, Fall 2 als Pflicht und Fall 3 als verboten bewertet haben, so urteilen Sie wie jene 1500 Teilnehmer aus aller Welt, die sich im Rahmen unseres Internettests zum Moralempfinden (http://moral.wjh.harvard.edu/) zu diesen Dilemmata geäußert haben. Wäre die Moral Gottes Schwert, so müssten Atheisten diese Fälle anders beurteilen als religiöse Menschen, und ihre Antworten müssten auf anderen Begründungen beruhen.

Hier ganz lesen!

5 Kommentare

  1. Do, 9. Feb 2006 geschrieben in 13:34 | Permalink

    Die Logik hat einen Haken: Um den Einfluss von Religion auf das Moralempfinden auszuschließen, hätte man die 1500 Probanden nach ihrer Geburt in einem Labor wegschließen müssen.

  2. Chripa
    Do, 9. Feb 2006 geschrieben in 14:31 | Permalink

    Ich verstehe nicht, was damit gemeint ist. Heißt es, dass alle Menschen in etwa die gleichen
    moralischen Vorstellungen haben? Das stimmt nicht. In Indien ist ein Menschenleben zum Beispiel sehr viel weniger wert als in Europa oder Amerika. Soweit es in der westlichen Welt noch weitgehende Übereinstimmung gibt, so kann das auch daran liegen, dass die westliche Kultur immer noch von jüdisch-christlichen Werten durchdrungen ist. Es ist dazu nicht erforderlich, dass alle jede Woche auch zur Kirche gehen. Die Erosion des Christentums in Europa macht sich aber mittlerweile doch bemerkbar. Meinetwegen kann man das für einen Fortschritt halten (was nach Nazismus und Kommunismus m.E. schwer fällt), leugnen sollte man es nicht.
    Die Botschaft der Bibel ist für mich, dass jeder Mensch Gottes Geschöpf ist und daher einen Wert an sich darstellt, unabhängig von persönlichen Fähigkeiten etc. Das ist ein großer Unterschied zum Materialismus. Der Grundsatz, dass menschliches Leben nicht gegeneinander abgewogen werden darf (gilt immer noch im deutschen Strafrecht) oder das Verbot von Abtreibung und Sterbehilfe wäre auf atheistischer Grundlage nie zustande gekommen.

  3. FAB.
    Do, 9. Feb 2006 geschrieben in 15:26 | Permalink

    Der Artikel kommt zu folgender Schlußfolgerung: Aber Einsichten in die sich wandelnde moralische Landschaft,(…) entstammen nicht der Religion, sondern der sorgfältigen Reflexion unserer Humanität und dessen, was wir als ein gut gelebtes Leben betrachten.
    Preisfrage: woran richten wir unsere Einschätzung, was wir als gut gelebtes Leben betrachten? Suggestions, anyone?

  4. Do, 9. Feb 2006 geschrieben in 18:01 | Permalink

    die antwort auf frage 1 lautet nach der halacha, dem jüdischen religionsgesetz: verboten (man darf nicht ein menschenleben opfern, um — gleich wie viele — andere zu retten). das christentum steht wahrscheinlich auf demselben standpunkt.
    what does this tell us about the nature of the argument?

  5. WinterTom
    Fr, 10. Feb 2006 geschrieben in 09:25 | Permalink

    Interessanter Test, insbesondere da Fall 1 und Fall 3 mehr oder weniger dieselbe Frage stellen.Ich kam jedenfalls zu dem Schluss, dass Fall 1 und 3 gleichermaßen als “verboten” zu setzen sind. “Zulässig” wäre nach meinem moralischen Empfinden nur eine Selbstopferung, d.h. wenn die Person im Fall 1 den Schalter umlegen würde um die anderen fünf zu retten und dabei selbst getötet würde. Im Fall 3 wäre wahrscheinlich nicht einmal das “zulässig”, da es eine Tötung durch einen anderen miteinschlöße.

Ein Trackback

  1. Von martinm.twoday.net am Do, 9. Feb 2006 um 14:52

    Religion - ein moralischer Kompass?…

    Viele religi…

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