Karneval der Unkulturen

Ich kann mit Fasching immer schon rein gar nichts anfangen. Zu dieser Jahreszeit packt mich regelmäßig ein Fluchtreflex das Fernweh.

KARNEVALSUMZÜGE

Jecken fürchten Islamisten

Von Philipp Wittrock

Mullah-Burger für Bush, Kardinal Meisner als Inquisitor - in den vergangenen Jahren schreckten die Düsseldorfer Karnevalisten am Rosenmontag nicht vor scharfen Mottowagen zurück. Gibt es diesmal einen Karneval der Karikaturen? Lieber nicht, sagen die Narren - aus Sicherheitsgründen.

Ist klar. Die Prioritäten stehen ja nicht erst jetzt fest.

Diffamierend, geschmacklos, eine kirchenfeindliche Hasstirade - Jacques Tilly musste sich nach dem Düsseldorfer Rosenmontagszug im vergangenen Jahr so einiges anhören. Der Wagenbaumeister hatte auf einem Wagen eine Szene dargestellt, in der Kardinal Joachim Meisner eine Frau auf einem Scheiterhaufen anzündet, die bekennt: “Ich habe abgetrieben”. Mit Verweis auf die Meinungs- und Religionsfreiheit verteidigten Tilly und das verantwortliche “Comitee Düsseldorfer Carneval” (CC) den Wagen damals gegen massive Kritik aus dem katholischen Lager.

Wohlfeil.

“Wir werden selbstverständlich auf Darstellungen des Propheten Mohammed verzichten”, sagt Tilly. Auch wenn der Künstler der Meinung ist, dass “religiöse Gefühle ab und zu verletzt werden müssen”, weiß er, dass es in der derzeitigen Situation nichts bringt, blinden Hass zu verbreiten. “Sonst treibt man die moderaten Muslime noch ins Lager der Extremisten.”
[...]
Schon im vergangenen Jahr hatte Tilly aus Pappmaché einen iranischen Mullah-Burger für George W. Bush gebastelt, auf einem anderen Wagen war der US-Präsident als Gotteskrieger mit einem zum Maschinengewehr stilisierten Kreuz zu sehen. 2004 schaffte es Tilly, Bush als Karnevalsmotiv mit einer langen Lügennase und der Aufschrift “Der Irak hat Massenvernichtungswaffen” auf die Titelseite der arabischen Zeitung “Al-Quds al-Arabi” zu bringen.

Herlzichen Glückwunsch, wir gratulieren!

Zwei Jahre zuvor stoppte ihn das CC, als er Osama Bin Laden zur Witzfigur machen wollte.

Wo kämen wir denn da auch hin?

Davon abgesehen liege es in der Tradition des Mainzer Rosenmontagszuges, eher lokale und bundespolitische Themen zu behandeln.

Immerhin versäumt SPON nicht, das als Geschwätz zu entlarven:

Die Mainzer Narren hatten im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt, als wenige Tage vor dem Besuch des US-Präsidenten im Zug das entblößte Hinterteil Bushs zu sehen war, auf das die CDU-Chefin Angela Merkel zueilt.

Tatsächlich ist der im Karneval gepflegte Humor zu schlicht und dumm, um Themen irgendwelcher Relevanz angemessen zu behandeln. Wer natürlich für gar nichts zu dumm ist, ist Harald Schmidt. Am Mittwoch kündigte er im taz-Interview noch an:

Können Sie uns einen schönen Islamwitz erzählen?

Nein. Davon lasse ich die Finger. Das ist mir zu heikel.

Auch wenn Sie selbst keine solchen Witze machen - würden Sie wenigstens sagen, dass man solche Witze machen dürfen muss?

Aus dieser Diskussion halte ich mich vollkommen raus, weil ich mir nicht ein Problem auf den Tisch ziehen möchte, das ich zum Glück nicht habe.

Als Rudi Carrell 1987 in seiner “Tagesshow” Chomeini in Dessous grabbeln ließ - Herr Schmidt, war das nicht ein großartiger Gag?

Aber Carrell hat damals einen gefährlichen Ärger bekommen. Und mittlerweile ist das nicht mehr zu steuern. In einer kleinen dänischen Zeitung erscheint die Karikatur und in Indonesien wird die dänische Botschaft gestürmt. Bei Carrell war es noch Ajatollah gegen Carrell. Zwanzig Jahre später leben wir in einer anderen medialen Landschaft.

Sie haben einen gefährlichen Beruf.

Nein. Man muss nur ein bisschen wachsam sein. Sie brauchen die nötige Portion Feigheit. Machen Sie doch lieber Witze über Bush, das ist ungefährlich. Insofern hat die westliche Zivilisation doch einige ganz großartige Errungenschaften hervorgebracht.

Kann man denn sagen, dass es diese Karikaturen geben dürfen muss - auch ohne sie abzudrucken?

Das ist Filigran-Analyse. Die nutzt Ihnen nichts, wenn Sie Leute gegen sich aufgebracht haben, von denen Sie vorher noch gar nicht wussten, dass es die gibt. Sie diskutieren auf Salon-Niveau. Wir reden hier aber von der Möglichkeit: Kawumm neben der Küche. Deswegen sage ich auch: Vorsicht mit glorreichen Selbsteinschätzungen. Wie hätte ich mich im Dritten Reich verhalten? Ich bin nicht gestrickt wie die Geschwister Scholl.

Tatsächlich war Schmidts Sendung am Mittwochabend epochal gut. Der Anfangsmonolog behandelte Pressefreiheit, Toleranz, Rücksichtnahme - anhand der Anzeige, die Pro 7 bundesweit für “Germanys next Topmodel” schaltete. Dann wurde dem Zuschauer ein sympathisches Land vorgestellt, das leider bei der WM nicht vertreten sein wird: Dänemark. Leider kam Schmidt nicht mehr dazu, das Andersen-Märchen “Das Mädchen mit den Schwefelhölzern” vorzulesen, weil er sich mit einer Zuschauerin verquatschte und seinen Gast Charlotte Roche begrüßen wollte. Die zeigte eine Zahnlücke und kommentierte: “Man sieht doch sofort aus, wie so ‘ne asoziale Alkoholikerin.” Darauf Schmidt: “Wobei wir natürlich diese Personengruppe nicht diskriminieren wollen.” Roche: “Nein, die sind auch toll.”

Chapeau!

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