Alfred Grosser hatte es mal als seine Lebensaufgabe angesehen, die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich voranzutreiben. Das ist ihm gelungen, die beiden Staaten können sich wieder gut leiden. Leider! Denn nun musste Grosser sich eine neue Lebensaufgabe suchen. Und die fand er im Nahostkonflikt. Er kann nämlich nicht schweigen, wenn Palästinenser unterdrückt werden (wobei es da natürlich um die Unterdrückung durch Israel und nicht durch die Hamas geht) und er kann auch zu keiner Interviewanfrage “Nein” sagen. Nun sprach er mit dem Stern.
Der Stern, dessen Nahostberichterstattung oft ähnlich seriös wie die Hitlertagebücher daherkommt, will gleich zu Anfang wissen, was einen “der härtesten europäischen Kritiker der Politik Israels” antreibt. Und der harte Grosser erklärt: “Ganz einfach: dass ich unter anderem Jude bin.” Ganz einfach kann man aber auch sagen, dass ein Jude nicht automatisch Israeli ist, und es ein Ärgernis darstellt, dass Juden oft wie selbstverständlich als Repräsentanten Israels angesehen werden. Und wenn Grosser meint, dass Jude-sein sich darin erschöpfen sollte, den jüdischen Staat zu kritisieren, hat er vom Judentum noch weniger Ahnung als vom Nahostkonflikt.
Dafür weiß er aber, was einem Frieden im Wege steht:
Solange Palästinenser an der Mauer gedemütigt werden, solange ein palästinensischer Staat unmöglich ist, weil die Siedlungen und die Straßen nur für Israelis sind, solange eine territoriale Kontinuität unmöglich ist, wird Israel nicht in Frieden leben.
Da hat er Recht, der Grosser, es ist in der Tat eine Demütigung für jeden ehrlichen Antisemiten mit Sprengstoffgürtel, wenn er unverrichteter Dinge wieder umkehren muss, weil ihn eine Mauer (eine Mauer!) daran hindert, jüdische Teenager in die Luft zu sprengen. Und dann darf man die Rückreise nicht einmal auf den Straßen der Leute antreten, die man so gerne endlösen würde. Das muss man doch verstehen, gerade als Deutscher, denn die Nazis hätten es ja auch blöd gefunden, wenn sie die Juden plötzlich wegen irgendwelcher Mauern oder anderer Hindernisse nicht mehr hätte ermorden können. Na also.
Wobei es ja schade ist, warum die Interviewer nicht fragten, was denn vor der Mauer dafür verantwortlich war, dass die Israelis einen Frieden verhindern? War es das Oslo-Abkommen? Der Rückzug aus dem Libanon, oder der aus dem Gazastreifen? Und noch spannender wäre es natürlich geworden, wenn der Stern mal einen echten Tabubruch gewagt hätte, indem er gefragt hätte, ob die Palästinenser eigentlich auch eine Mitschuld an der verfahrenen Situation haben. Denn Kritik an den Palästinensern ist wirklich keine Paradedisziplin deutscher Journalisten. Aber dazu schweigt der Stern, und widmet sich lieber einem Tabu, das es zwar nicht gibt, aber die Fantasie deutscher Redakteure mehr als alles andere beflügelt.
Sie haben geschrieben, es brauche die Legitimation jüdischer Herkunft, wenn es um die Kritik an Israel geht. Wie meinen Sie das?
Und die Antwort hat es in sich:
Es ist nach wie vor so, dass sich Deutsche zu allem Möglichen kritisch äußern dürfen, aber nicht zu Israel. Menschenrechtsverletzungen anderswo anprangern - kein Problem!
Gibt es eigentlich irgendein Naziverbrechen, dem sich Israel nicht schon schuldig gemacht hat? Norbert Blüm weiß von Vernichtungskriegen zu berichten, die in den Palästinensergebieten geführt werden. Für deutsche Bischöfe ist die Situation in den palästinensischen Städten nur noch mit denen im Warschauer Getto zu vergleichen. Eine Mehrheit der Deutschen findet, dass die Israelis heute das gleiche mit den Palästinensern machen, was die Nazis mit den Juden machten. Und Grosser findet, dass die Deutschen sich nicht kritisch zu Israel äußern dürfen. Kann man noch weiter aus der Realität fallen? Und wo bitte interessieren sich die Deutschen denn für Menschenrechtsverletzungen? Im Sudan (100 Teilnehmer an einer Demo in Berlin), in Birma (was ist Birma?), in Afghanistan (Bundeswehr raus)? Nein, die Deutschen sind da ziemlich wählerisch. Die Opfer der Israelis werden gehätschelt und mit Geld aufgepäppelt, und auch die der Amis genießen eine Vorzugsbehandlung, was aber mehr über das Verhältnis der Deutschen zu Israel und den USA aussagt, als über die “Opfer” dieser beiden Staaten. Die sind nicht mehr als austauschbare Statisten.
Aber Alfred Grosser sieht das eben anders und kommt auch noch auf die legendäre Auschwitzkeule zu sprechen. Die sagt zu den Deutschen, “falls sie etwas gegen Israel sagen: Ich schlage dich mit Auschwitz.” Wenn man sich all den Müll anguckt, der in Deutschland über den Nahostkonflikt publiziert wird, wünscht man sich eine solche Keule, die zumindest die gröbsten antisemitischen Veröffentlichungen verhindern würde. Sie sollte dann auch verhindern, dass Grosser seine alternative Realität in einem großen Magazin ausbreiten darf. Leider hat sie aber noch nicht einmal folgenden Absatz unterbinden können:
Israel darf unter den Palästinensern nicht die Versuchung entstehen lassen, dass ein jugendlicher Attentäter sich als Held verstehen kann.
Ob es den Israelkritikern eigentlich gar nicht auffällt, dass sie die Palästinenser permanent behandeln, als seien sie nicht in der Lage, klar zu denken. Wenn RTL II eine schwarze Familie zeigt, die beim trommeln und tanzen aufgenommen wird, schreit es überall: Rassismus. Warum ist es nicht rassistisch, Palästinensern abzusprechen, auf ihr Schicksal aktiv Einfluss nehmen zu können? Das interessiert beim Stern aber auch niemanden, denn man bleibt lieber bei der Macht der Juden, die jede Kritik an Israel unterbinden. Man sagt:
Es ist schon vorgekommen, dass Ihre jüdischen Kritiker interveniert haben, nachdem Sie sich öffentlich zu Israel geäußert haben. Was passiert da?
Und Grosser gibt einen Einblick in die dunklen jüdischen Machenschaften. “Das sind Verbindungen, es gibt ein paar Telefonanrufe oder Beschwerdebriefe.” Ja, so perfide sind sie, die Zionisten. Sie haben Telefone und können schreiben! Aber der Stern, der es letztes Jahr irgendwie geschafft hat, die Juden auszutricksen, und mit diesem mutigen Titel am Kiosk lag, will es genauer wissen. Wie machen Juden Druck? Und Grosser weiß folgendes zu berichten:
Das ist ein mehr oder weniger sanfter Druck zur Selbstzensur, zum Schweigen und zum Verschweigen. Wo sind zum Beispiel die Rezensionen zu Konrad Löws fabelhaftem Buch “Das Volk ist ein Trost”? Viel zu selten wird - wie bei Löw - berichtet, wie viele Juden von mutigen deutschen Nichtjuden vor den Nazis versteckt wurden und so überlebt haben.
Und damit ist auch schon klar, was Grossers nächste Lebensaufgabe wird, sobald er den Nahostkonflikt endlöst hat: Bekannt zu machen, dass die Deutschen die Juden vor den Nazis versteckt haben und so eine Katastrophe verhinderten.



