die Du selber gefälscht hast.” An diese Lebensweisheit, die uns Winston Churchill hinterlassen hat, musste ich unlängst denken, als die neueste gleichlautenden Alarmmeldungen auf den Homepages der einschlägigen Online-Medien, in den TV- und Radio-Nachrichten und vermutlich auch bei den nicht von mir konsumierten Printmedien aufliefen: “Kernkraftwerke schaffen Kinderkrebs”.
Wer wagt es schon, eingedenk der wissenschaftlichen Expertise einer Untersuchung im Auftrag der Bundesanstalt für Strahlenschutz, die uns unlängst vor den zwar unbekannten aber möglichen Spätschäden der W-LAN Nutzung warnte, das Ergebnis in Zweifel zu ziehen. Es geht schließlich um die Zukunft unseres Landes, um Kinder unter fünf Jahren, die obendrein bevorzugt an Leukämie erkranken. Das fällt dann am nächsten oder übernächsten Wochenende auf fruchtbaren Boden, wenn die “José-Carreras-Stiftung” unter der Spielleitung von Axel (ex-Brisant) Bulthaupt zugunsten Leukämiekranker Menschen Millionensummen einsammelt.
Wer die Ergebnisse, von denen die ausführende Professorin vom deutschen Kinderkrebsregister feststellt, dass sie medizinisch nicht erklärbar seien, in Zweifel zieht, muß sich beim Adventskaffee von Onkel und Tante als profitlüsterner, gewissenloser Lobbyist der Atomlobby geißeln lassen, der über Kinderleichen geht.
Dabei fallen mehrere Dinge ins Auge. Die allerorten zu vernehmenden Sensationsmeldungen basieren nicht auf der journalistischen Expertise, die die Studie sorgfältig geprüft hätte. Sondern auf einer dünnen einseitigen Pressemitteilung vom 08.12.2007, in der die Behörde auch gleich zum Ausdruck bringt, das vermeintlich “belastbare Ergebnis” habe sie “nicht überrascht.”
Ungefähr lautet der Präzisionsgrad, mit dem man die Darstellung der Studie in jener PM bezeichnen kann. Die eigentliche Studie macht das BfS der Öffentlichkeit erst am 10.12.2007 zugänglich. Dann sind die Schlagzeilen schon gedruckt und der vermeintliche Tatsachenbefund “Kernkraftwerke verursachen Kinderkrebs” hat sich in der veröffentlichten Meinung als Herrschaftswissen eingegraben, ohne einer kritischen Überprüfung standhalten zu müssen.
Begründet wird dies so: In Wohnortnähe zu Kernkraftwerken sind in 23 Jahren in 41 Landkreisen, die in unmittelbarer Nähe zu Kernkraftwerken liegen, 37 Kinder an Leukämie erkrankt. Das ist furchtbar. Im statistischen Durchschnitt hätten es im gleichen Zeitraum nur 17 Fälle sein dürfen. 20 Leukemie-Kranke gehen also auf das Konto der Atomlobby. In den Nachrichten melden sich einige Experten zu Wort und fordern, um Vergleichszahlen zu bekommen, könne man die Atomkraftwerke doch einmal vorsichtshalber fünf Jahre lang abschalten.
Der Kernpunkt ist, wie die Studie auf die “zu erwartenden” 17 Erkrankungen kommt. Offensichtlich erkranken tatsächlich Kinder an Leukämie, ohne in der Nähe von Kernkraftwerken gewohnt zu haben?
Dabei böte sich an, die in den Jahren zwischen 1980 und 2003 aufgetretenen Leukämiefälle in ein Verhältnis der Summe der Kinder zwischen 0 und 5 Jahren zu setzen. Dabei entstünde eine Wahrscheinlichkeit, an Leukämie zu erkranken. Dann müsste man die in den jeweiligen Landkreisen lebende Anzahl von Kindern im Vergleichszeitraum in ein Verhältnis mit den im gleichen Bereich auftretenden Krankheitsbild setzen. Denn in diesem Fall gilt für eine Statistik zweifelsohne. Je größer die Zahl der betrachteten Fälle, desto wahrscheinlicher die Relevanz.
Die Untersuchung geht anders vor. Hier werden “1.592 an einem Krebs erkrankte Kinder und 4.735 nicht erkrankte Kinder (sog. Kontrollen, die in den Lebensumständen den erkrankten Kindern möglichst gleichen) unter 5 Jahren” in ein Verhältnis gesetzt. Also nicht alle Kinder, sondern nur die, von denen die Untersucher eine vergleichbare Lebenssituation “annehmen”. Und vermutlich nicht einmal alle in den 23 Jahren an Krebs oder Leukämie erkrankten Kinder, sondern nur solche, deren Lebensumstände nach der Vermutung der Forscher jenen ähnelten, die gerade in der Nähe von Kernkraftwerken wohnten. Und diese Stichproben wurden über den Zeitraum von 23 Jahren erhoben.
Die Kriterien, nach denen die Stichproben erhoben wurden, bleiben bei der Veröffentlichung im Dunkeln. Nach den gleichen Kriterien ließe sich vermutlich ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko in der Nähe von Braunkohlekraftwerken feststellen, oder eine erhöhte Unfallgefahr in Korrelation mit der Nähe des Wohnortes zur nächsten Fußgängerampel.
Diese Untersuchung ist ein Muster ohne Wert. Und die Art ihrer Lancierung soll sie vor Kritik immunisieren. Dabei nimmt sie doch schon Kinder für ihre obskure Hypothese in Geiselhaft, die sich dagegen nicht wehren können und um derentwillen niemand zu widersprechen wagt. Perfide.




4 Kommentare
Hat uns die o.g. Weisheit nicht eher der Herr Goebbels hinterlassen?
http://www.zeit.de/2002/18/200218_stimmts_churchill.xml
Zusätzlich zu den hier genannten Schwächen sollte noch das Vertrauensintervall des Erwartungswerts (17 Erkrankungen) genannt werden. Bei 17 aus grob 6000 scheint es sich, rein intuitiv gesehen, um ein eher seltenes Ereignis zu handeln und seltene Ereignisse lassen sich meist mit erheblichen Ungenauigkeiten vorhersagen…
Viele Grüße
Hein
Nicht ungelesen und unbeachtet sollte m.E. auch folgender Kommentar aus einem bekannten bürgerlichen Medium bleiben:
http://www.faz.net/s/Rub7FC5BF30C45B402F96E964EF8CE790E1/Doc~E6424DFF9DCD6427EAA660DAE60313051~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Wir merken uns:
http://berufundchance.fazjob.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc~EA51F26F4D2414424B25534D1FBCFA35C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Büroleiter FASZ, so, so.
Ich würds mal so sehen: Interessant wäre zB, ob nicht in der Nähe von Kernkraftwerken eine höhere Dichte von Kohlekraftwerken zu finden ist als im Durchschnitt…
Ich vermute eher, dass es eine Korrelation mit einem Korrelationsfaktor von fast 1 gibt, dass es keine Kohlekraftwerke in unmittelbarer Nähe von Kernkraftwerken gibt.
Allerdings - Trara! - irgendwann kommt der Punkt, ob und wie man die errechnete Korrelation bspw. politisch für Handlungen nutzt oder eben nicht, also bspw. die Korrelation als auf einer ungenügenden Datenbasis beruhend (das ist vermutlich in dem im Blog-Eintrag diskutierten Fall so) als nicht signifikant zurückweist.
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[...] auch Zufall sein! Diese Dame ist an Dreistheit nicht zu überbieten. Darüber haben wir auch hier schon berichtet. This entry was written by euckenserbe, posted on Dienstag, 11. Dezember 2007 at [...]
[...] Taktik kennen wir schon von den leukemiekranken Kindern, die gehäuft in der Nähe von Atomkraftwerken leben sollten. Nicht die Studie wird zuerst [...]
[...] genug, obwohl bereits im Dezember zu einer reißerischen Vorabveröffentlichung genutzt, die einer kritischen Nachprüfung kaum [...]