“Hier ist Berlin”

“Es ist Neunzeeehnuhrdreissigminutenund25Sekunden. Hier ist Berlin.Live aus den Studios der Berliner Union übertragen wir die ZzzzDEeeF Hitparade” So begann just 1968 der Angriff der deutschen Gemütlichkeit auf den von “Wünsch Dir Was” geplagten Fernsehschirm, wo Dietmar Schönherr leibhaftige Familien im Auto im Swimmingpool versenkte und Muttern nur unter Mithilfe der bereitstehenden Taucher vorm Ertrinken gerettet wurden, während Diskutanten bei “Drei nach Neun” versuchten, mit Hilfe der mitgebrachten Axt den Tisch zu zertrümmern. Der Gegenangriff hatte ein Gesicht: Das des schnellsprechenden saarländischen Gebrauchtwagenverkäufers Dieter Thomas Heck.

Während sich im Bremer Musikladen die GoGo-Girls spärlich bekleidet um offensichtlich schwer gedopte Rockstars räkelten, was von offensichtlich ähnlich inspirierten Kameramännern und Regisseure in ambitionierte Gesamtkunstwerke verwandelt wurde, gab es hier familienkompatible Hausmannskost vor der großen Samstag-Abend-Unterhaltung mit Kuli oder Blacky Fuchsberger. Bernd Clüver sang vom “kleinen Prinz”, Jürgen Marcus vom “Festival der Liebe” und Chris Roberts, damals 27, wollte noch mal 17 sein. Mary Roos und Schwester Tina York zierten die Studio-Kulisse mit übergroßen Portraits, auf denen die “Autogrammadresse” in Kleinkleckersdorf oder 3450 Mindelheim eingeblendet wurde. Immerhin schaffte es die damals noch pausbäckige Marianne Roos in die Musik-Box des Düsseldorfer “Einhorn”, wo irgendjemand immer wieder hintereinander Frank Sinatras New York New York und dann eben die “Lieder der Nacht, für uns gemacht Aha” drückte, bis sie es als Top-Price CD aus Kultzwecken in unsere Sammlung schaffte.

Das von Media-Control ersonnene Regelwerk zum Schutze des deutschen Liedgutes kollabierte Anfang der Achtziger Jahre, als die völlig kommerzialisierte “neue deutsche Welle” die ZDF-Hitparade stürmte und der bekennende CDU-Sympathisant (das war schon was im Zeitalter von “Willi wählen”)Heck nicht nur die vermutlich kompatible Nena ansagen mußte, sondern auch Gruppen wie Extrabreit (”Hurra, Hurra, die Schule brennnt”) oder Ideal. Der Mann entwickelte sich zum lebendigen Anachronismus, was den Schnellsprecher, der den Abspann in 30 Sekunden herunter ratterte, eher sympathisch machte. Irgendwann wurde er durch den schlacksigen Viktor Worms ersetzt und spätestens dann wurde aus der Kultveranstaltung aus den frühen Jahren des Farbfernsehens eine gewöhnliche Schlagersendung.

Heck verschwand aus meinem Dunstkreis. Denn “Melodien für Millionen” oder “die goldene Stimmgabel”, die zum Alters-Oevre gehörten, hatten dank der mittlerweile geglückten Einführung des Privatfernsehens Alternativen. Ich war ausgezogen und verfügte über mein eigenes Fernsehgerät und auch im elterlichen Haushalt war vor dem “Einhorn”-Besuch Gelegenheit für den Spielfilmgenuß auf dem Zweitgerät.

Heute wird Heck Siebzig und das Zed De EF verschiebt ihn aus diesem Grund mit einer Abschiedsgala aufs ungewollte Altenteil. Bei allen Verdiensten ohne mich. Vielleicht wiederholen sie ja mal eine der schönen alten Hitparaden nachmittags auf 3Sat und wir können noch mal Bata Illic singen hören:”Ich hab´noch Sand in den Schuhen von Hawaaii.” Wäre doch was für den Bildschirmarbeiter?

3 Kommentare

  1. Sa, 29. Dez 2007 geschrieben in 16:17 | Permalink

    Euckis gewohnte Recherchequalität tritt schon im ersten Absatz zu Tage. (Dieter Thomas Heck ist kein Saarländer und war auch nie ein Gebrauchtwagenhändler.)

  2. euckenserbe
    Sa, 29. Dez 2007 geschrieben in 18:31 | Permalink

    Der Mann hat jahrelang da gewohnt, weshalb er bei Wetten Daß eine Radtour von Saarbrücken in´s damals noch besetzte Berlin vereinbarte. Das mit dem Gebrauchtwagenhändler habe ich tausend mal gelesen, tatsächlich war er wohl Verkaufsleiter einer Limonadenfabrik.

  3. euckenserbe
    Sa, 29. Dez 2007 geschrieben in 23:22 | Permalink

    By the way: Der Mann hat den Saarländischen Verdienstorden. Nur so.

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