Scheibenwischer und andere Zumutungen

Es gibt am deutschen Kabarett - zumindest dem öffentlich-rechtlich geförderten - einiges zu bemängeln. Als erstes das Wichtigste: Es ist nicht witzig, kein bisschen. Die Nummern klingen meist eher wie die Belehrungen durch cholerische Pädagogen. Kaum einmal erahnt man in diesem Brei aus dümmlichen, deftig derben Beschimpfungen so etwas wie Wortwitz oder gar scharfsinnige Gedanken. Als nächstes lässt sich bemängeln, dass die Feindbilder so verstaubt sind, dass eigentlich das Wiederholen alter Folgen reichen würde. Vielleicht in Farbe, mehr muss nicht getan werden, denn die Zutaten ändern sich nicht: Parteien im Allgemeinen sind dumm, die CSU im Besonderen, Amis sind Kapitalisten, der Kapitalismus ist noch dümmer als Parteien, außerdem ist Merkel total hässlich und der kleine Mann von der Straße wird von denen da oben immer nur ausgenutzt.

Zwar gibt es diesen kleinen Mann gar nicht (mehr) und dient heute nur noch irgendwelchen Populisten und eben den Kabarettisten als imaginäre Masse, für die sie zu sprechen meinen, aber offenbar ist im Kabarettpublikum ein großes Bedürfnis vorhanden, sich aus der Verantwortung zu stehlen, indem man sich zu einem Rädchen im Getriebe verklärt. Objekt zu sein ist nicht so anstrengend wie Subjekt. Subjekte müssen denken und handeln, während Objekte einfach nur Opfer von denken und handeln sind.

Wer aber in einer liberalen Demokratie Objekt sein will, hat es schwer. Da bleibt oft nur noch die Flucht in Parallelwelten, die einem dieses Gefühl der Machtlosigkeit zurückgeben, und das Kabarett ist eine solche. Was nur zeigt, welch trauriges Dasein diese Kunstform heute fristet, in der sich einst so geniale Leute wie Kurt Tucholsky, Fritz Grünbaum, Karl Farkas oder Armin Berg mit Glanzstücken hervortaten. Heutiges Kabarett ist vor allem die Befriedigung der Ressentiments eines reaktionären Publikums. Eine dritte Peinlichkeit besteht darin, dass im Zweifelsfall diejenigen, über die sich all die Pispers und Riechlings lustig machen, diesen Kabarettisten in jeder Hinsicht überlegen sind: Intellektuell sowieso, aber auch oft - das ist die Tragik - in Bezug auf ihren Humor.

Und nun hat mal wieder einer aus dem Scheibenwischer-Umfeld einen wichtigen Kabarettpreis bekommen. Hagen Rether heißt er und obwohl schon all die anderen Kabarettisten ein unterirdisches Niveau erreichen, gelingt es ihm noch, dieses zu unterbieten. Da klimpert er fröhlich auf dem Klavier vor sich hin, sieht in den Moslems die Juden von heute (vielleicht sollte man von Zeit zu Zeit auch mal drauf hinweisen, dass es gar keine neuen Juden braucht, weil es die alten noch gibt. Aber das nur so am Rande erwähnt.), und blendet alles aus, was seiner Empörung über die Behandlung der Moslems durch die Medien eine Trübung verpassen könnte: Etwa die nette Eigenheit mancher Moslems, sich in Menschenmengen in die Luft zu sprengen, was ja irgendwie auch ein bisschen für die Kratzer im Image des Islam verantwortlich ist. Was er außerdem übersieht, ist, dass diese Kampagne gegen den Islam nur in seinem Kopf stattfindet, denn in der Realität bleibt davon nicht viel übrig. Klaviergeklimper hin oder her. In der Berichterstattung wird peinlich genau darauf geachtet, eben nicht die Moslems für den islamischen Terror verantwortlich zu machen. Selbst in New York, wo Tausende Menschen Opfer der Religion des Friedens wurden, leuchtete das Empire State Building zum Ende des Ramadan in grün auf. Ja, so schlimm werden Moslems ausgegrenzt.

An Rethers Meinung ist ja gar nicht einmal ärgerlich, dass er sie hat (Idioten wird es immer geben), sondern dass er für diesen Schwachsinn auch noch mit Preisen ausgezeichnet wird. Und wenn so jemand in der angeblich besten Kabarettsendung, dem Scheibenwischer, eine Bühne bekommt, stellt sich schon die Frage, für was es dieses Format eigentlich gibt. Stammtischgeschwätz gehört in die Eckkneipe, aber nicht ins Gebühren finanzierte Fernsehen.

(Einen interessanten Text über Rether gibt es hier zu lesen.)

Ein Kommentar

  1. Sa, 5. Jan 2008 geschrieben in 16:19 | Permalink

    Unfassbar. Siehe auch das hier: http://www.youtube.com/watch?v=i7__yCAfxKk

    Brechmittel vom Feinsten!

2 Trackbacks

  1. [...] kann man nur Programmen eines Volker Pispers oder gar des nun im Mittelpunkt der Kritik stehenden Hagen Rether irgendetwas abgewinnen? Da mag er dreimal den Deutschen [...]

  2. [...] Freunde der offenen Gesellschaft Und immer, das ist der Schlachtruf des Mittelmaßes, sind die andern schuld. (Wolf Lotter) Zum Inhalt springen ÜberArchivLiberales LagerfeuerLinks « Scheibenwischer und andere Zumutungen [...]

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