Wie Tobias Kaufmann ganz richtig bemerkte, ähnelt der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten nicht nur einem Wahlkampfauftritt - es ist einer. Die türkischen Staatsbürger in Deutschland haben nun die Möglichkeit der Briefwahl und Erdogan spielt sich medienwirksam als ihr Schutzpatron auf. Seinen Fans gefällt das bestimmt, aber es ist doch verwunderlich, wie die Medien auf seine Auftritte reagieren. Auf Phoenix wurde eine Diskussionsrunde mit Erdogans Amtskollegin Angela Merkel als “Zeichen der Verständigung und Annäherung” gewertet, auf Kritik am Sermon des AKP-Chefs wartete der Zuschauer vergeblich.
So dozierte Erdogan über die Integrationspflicht der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland, die gefälligst türkischsprachige Universitäten und Schulen zur Verfügung zu stellen habe, denn es sei von Türken nicht zu erwarten, dass sie sich assimilierten. Eine erstaunliche Aussage, wenn man bedenkt, wie der kemalistische türkische Staat mit seinen Minderheiten umgeht. Gerade beim Thema “türkische Schulen” wartete man vergeblich auf ein lautes Auflachen: Die griechischen Orthodoxen wissen zum Beispiel kaum, wie sie das Amt des Patriarchen von Konstantinopel in Zukunft besetzen sollen, da dieser türkischer Staatsbürger sein muss, orthodoxe Priesterseminare von der türkischen Regierung aber konsequent geschlossen wurden. Auch die Assimilierung ist eine Paradedisziplin des Kemalismus, der als Gegenmodell zum osmanischen Vielvölkerstaat von Anfang an konsequent auf die größtmögliche ethnische Homogenität setzte. Unbequeme Minderheiten, die sich der Assimilation widersetzten, müssen zumindest mit Repressionen rechnen, einige bezahlten diesen Unwillen mit ihrer Existenz. Und diese Tatsache wird mit höchststaatlicher Rückendeckung von einem erschreckend großen Anteil der Türken geleugnet.
Warum Filipinos, Portugiesen, Koreaner, Inder oder Polen ihre eigene Integration -wie jede Menge Türken übrigens auch- bisher ganz gut in die eigenen Hände genommen haben und offenbar nicht auf Lehranstalten in der eigenen Sprache angewiesen waren, wird der türkische Ministerpräsident dann bei seinem nächsten Besuch enthüllen!
8 Kommentare
Es ist doch schön, dass einmal offene Worte gefunden worden sind. Die Türkei ist an Enklavenbildung interessiert, an türkischen Kolonien. Klar ausgesprochen wird das nicht, aber die Indizien sind mittlerweile überwältigend.
Lustig auch solche Sprüche wie “Ich bin für Integration, aber gegen Assimilation [1].”.
Danke, Hr.Erdogan!
[1] Angleichung
Der hier ist auch gut:
http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/brandopfer-tatort/?src=SZ&cHash=16854e12f9
“Hinweis: Folgende Zeilen enthalten Material, das die Gefühle von Deutschen verschiedenster regionaler Herkunft verletzen könnte.”
Müsste es nicht TAZ-fähig “von deutschen BürgerInnen” heissen?
Bemerkenswert aber, dass sogar die linksgrüne TAZ mittlerweile anscheinend gecheckt hat wohin “Integration ohne Assimilierung” führen wird.
Nachtrag:
Was die TAZ wohl mit “verschiedenster regionaler Herkunft” gemeint hat? Ein neues TAZ-Konzept der Korrektheit?
Die Scharia hat nicht nur dunkle Seiten und darf akademisch erörtert werden. Soso.
Der durchgeknallte Bischoff hat ein achtseitiges “extrem komplexes” Manuskript verfasst:
http://www.derwesten.de/nachrichten/waz/meinung/2008/2/8/news-22214734/detail.html
(Und bei Adolf war auch nicht alles schlecht.)
@Sky
Vorsicht Sky, wer so etwas auch nur denkt wird rausgeworfen, zu mindestens bei Kerner.;-)
Wenn wir die Scharia “akademisch erörtern”, dann müsste das eigentlich auch mit “Mein Kampf” möglich sein.
Hier eine lustige Werbung für einen “Vermittlungsvorschlag” der Moslembruderschaft (Fatwa-Rat LOL) in der TAZ:
http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/respekt-fuer-verfassungen-und-gesetze/?src=AR&cHash=dd7d1e3c5a
(Arme TAZ, immer so hin und hergerissen zwischen dem Verlangen nach Dialog und der Kritik am nicht mehr zu Übersehenden.)
Nach Özdemir hat Erdogan alles richtig gemacht:
http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/erdogan-macht-das-besser-als-boehmer/?src=SZ&cHash=dcf97d4dd0