Eins hat die Parlamentswahl - neben der “Abstrafung Musharrafs” - deutlich gezeigt: Die radikalen Islamisten haben deutlicher als je erhofft an Zustimmung verloren. Die so oft zitierte “Talibanisierung” oder “Radikalisierung” scheint gestoppt. Im Folgenden wird die versuchte “Talibanisierung” analysiert, die geschichtlichen Wurzeln aufgezeigt und das scheinbare Ende der (in Teilen der Bevölkerung akzeptierten) radikalen Ansichten und Forderungen dargelegt.
Die Politik gegenüber der Mujaheddin und in der geschichtlichen Folge der Taliban gilt als klassisches Beispiel pakistanischer Außenpolitik, die sich mit Hilfe privater Akteure seit jeher artikuliert. Während des Afghanistan Krieges der 80er Jahre rüsteten der ISI mit Hilfe der USA Mujaheddin aus den Paschtunen Gebieten für den Kampf gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans. Besonders die Paschtunenstämme der Mahsuds und der Wazirs, die seit der britischen Kolonialherrschaft in ängstlichem Respekt nur Wölfe und Panther genannt werden1, wurden durch Personal vom ISI und CIA trainiert, während sie ihr ideologisches Rüstzeug in den vom Präsidenten-General Zia ul-Haq geschaffenen Madrassen bekamen2. Nach dem Abzug der Sowjetunion übernahmen zunächst die untereinander zutiefst zerstrittenen Mujaheddin die Macht in Kabul, nachdem im pakistanischen Peschawar zwischen Ministerpräsident Nawas Sharif und dem sich im Kampf gegen die Sowjetunion verdient gemachten Osama bin-Laden in einer gemeinsamen Verhandlung die Machtfrage für Afghanistan geklärt wurde3. Doch noch in der folgenden Nacht begann der afghanische Bürgerkrieg. Es kam zu blutigen Fraktionskämpfen der einzelnen Mujaheddin-Gruppen, zusehends herrschte Anarchie und Rechtlosigkeit. Die Gewalt kannte keine Grenzen, Stammeskrieger und marodierende Banden verloren sich in einer Spirale der Gewalt. Die Mujaheddin verloren Rückhalt in ihren paschtunischen Stammesgebieten, die sich auf beiden Seiten der Durand-Linie entlang ziehen. 1993 entschieden sich dann drei Duzend ultrareligiöse Paschtunen aus den pakistanischen Flüchtlingslagern eine neue Guerillatruppe unter dem Namen Taliban, dem paschtunischen Wort für Schüler der Madrassen, zu gründen4. Unter dem ehemaligen Mujaheddin Führer Mullah Mohammad Omar, der in Pakistan islamisches Recht studiert hatte, wollten sie ihre Gebiete von den korrumpierten Mujaheddin Führern befreien. Pakistanischen Sicherheitsbeamten des ISI und auch Regierungsmitgliedern kam diese neue Bewegung recht5. So wurden im Folgenden die Taliban – wie vormals die Mujaheddin – finanziell unterstützt und durch den ISI ausgebildet6. Die Taliban übernahmen zunächst in Südafghanistan die Macht und zogen aus ihren traditionellen Stammesgebieten weiter gen Norden. Erlitten sie Verluste und benötigten Verstärkung, so schlossen einige extremistischen Madrassen in Pakistan kurzerhand ganze Klassen und schickten ihrer Schüler in den Krieg jenseits der Grenze7. Seit der Eroberung des westafghanischen Stadt Herat 1995 setze schließlich auch die Führungsriege des ISI ganz auf die Taliban, denn fast alle Frontoffiziere waren Paschtunen und somit der Mehrheitsbevölkerung Afghanistans kulturell und sprachlich verbunden. Pakistanische Offiziere wie Talibankommandeure entwickelten eigene Interessen, artikulierten diese und setzten sie unkontrolliert durch. Die Grenze wurde faktisch aufgehoben, der Grenzhandel entwickelte sich zum Schmugglerhort8 für Transportmafia, Drogenbarone und –kuriere, Offiziere, Politiker und vor allem Waffenhändler. Dem pakistanischen Staat entgehen dadurch jährlich geschätzte 600 Millionen US-Dollar an Steuern9.
Nach der Übernahme der Macht in Kabul durch die Taliban 1996, unterstütze Pakistan die religiös ausgerichteten Taliban als Gegengewicht zum paschtunischen Nationalismus trotz menschenrechtsverletzender Auslegung der Scharia in Afghanistan weiter. Zusammen mit Saudi-Arabien, dessen konservative und dogmatische Auslegung des sunnitischen Glaubens, dem Wahabismus, von den Taliban geteilt wird, und den Vereinigten Arabischen Emiraten waren dies die einzigen Länder10 im internationalen System, die die Taliban Regierung anerkannten. Denn ein traditionell an Pakistan gebundenes Afghanistan sollte als Hinterland fungieren, mit dem „Pakistan angesichts eines möglichen Konflikts mit Indien an strategischer Tiefe gewinnen“11 wollte. Diese Unterstützung, die allein im Jahr 1997/98 auf ca. dreißig Millionen US-Dollar beziffert wurde und neben der finanziellen Hilfe auch Treibstoff, Lebensmittel, Raketen, schwere militärische Panzer, Elektrizität und Infrastrukturhilfe beinhaltete12, sollte ähnlich wie im Belutschistan Fall zum Bumerang für die Stabilität des pakistanischen Staat werden.
Mit der Vertreibung der Talibanregierung durch die Operation Enduring Freedom 2001/2002 flüchteten etliche Extremisten in die traditionellen Paschtunengebiete im Süden Afghanistans und Nordwesten Pakistans. Dadurch erwuchs ein expansiver, in hohem Maße gewaltbereiter Islamismus im Land, der sich am Vorbild der Taliban-Gesellschaftsstruktur in Afghanistan orientiert. Eine gemeinhin als „Talibanisierung“ Pakistans bezeichnete Entwicklung fußt auf die ideologische Überzeugung, die strengstmögliche Auslegung der Scharia nun auch in Pakistan zu etablieren. Anfang 2002 gründete sich die islamistische Allianz Muttahida Majlis-i Amal (MMA). Ihre Anhänger und Wähler finden sich überwiegend in Regionen mit Paschtunen Mehrheit, in denen sich die afghanischen Taliban aber auch die al-Qaida Patronen der Neo-Taliban aufhalten. Die ersten Wahlen zementierten die extremistische Gewichtung innerhalb der Allianz zugunsten der Jam’iyat al-Ulama-i Islam (JUI) und der Jama’at-i Islami, die offen Ziele der ultraradikalen Neo-Taliban vertreten. Die MMA strebt zwar die Inkraftsetzung der Scharia und weitgehende Maßnahmen zur Islamisierung der Gesellschaft an, sie ist aber durch ihre Einzelparteien seit Jahren fest in der politischen Kultur etabliert und verhält sich weitgehend systemkonform, obgleich sie sich als gesellschaftliche Artikulationsebene für bewaffnete Islamisten darbietet13.
Der gewalttätigen „Talibanisierung“ begegnete die Regierung Musharrafs zunächst im Januar 2002 durch ein umfassendes Verbot weitaus radikalerer Organisationen wie Lashkar-i Taiba und Jaish-i Muhammad. Beide dienten vormals als Hauptprotagonisten des Kaschmir-Jihads sowie der Mujaheddin Ausbildung14 für den Afghanistan Feldzug gegen die Sowjetunion und förderten bis dato die Radikalisierung in einigen Madrassen für den erneuten Kampf im Nachbarland. Zusätzlich kündigte Musharraf an, die nichtstaatlichen Madrassen künftig den gleichen Regeln und Kontrollen wie die staatlichen Schulen und Universitäten unterzuwerfen. In den Madrassen, die sich als kostenlose, gerade in den Stammesgebieten weit verbreitete Alternative zu staatlichen Schulen sehen, wird den Schülern eine streng religiöse Ausbildung geboten. Arme, kinderreiche Familien, die oftmals ihre Kindern nicht in ferne staatliche Bildungseinrichtungen schicken können, nehmen das expandierende Angebot der Madrassen war. Nicht in allen Madrassen wird zu der streng religiösen Ausbildung auch die Waffenkunde geboten, doch einzelne extremistische Schulen, deren fanatische Mentalität sich temporeich verbreitet, sind mit der Zeit zum Problem geworden. Genau Zahlen über extremistische Madrassen sind hierbei ebenso wenig zu finden wie die Anzahl aller Madrassen15. Das Reformprojekt Musharrafs zur staatlichen Eingliederung der Madrassen wurde in zähen Verhandlungen verwässert. Zwar fordern auch alle internationalen Partner und viele ausländische nichtstaatliche Organisationen seit Jahren ein Handeln, doch sind die Strukturen der Madrassen zu tief in der Gesellschaft integriert, die finanziellen Möglichkeiten, im Besonderen durch die Unterstützung Saudi Arabiens16, zu weit reichend, als dass die bescheidenen Bildungsposten im pakistanischen Haushalt ausreichen würden, Anreize zur Integration in den staatlichen Bildungssektor zu bieten.
Lokale Mullahs, Madrasa-Studenten und Veteranen des Jihads in Afghanistan und Kaschmir unterstützen die fundamentalistischen Forderungen der geflohenen Talibankämpfer und der Neo-Taliban zur Erzwingung islamischer Moral und einer eigenen Strafjustiz. In den vergangenen Monaten haben sich diese Trends auch außerhalb der umkämpften Gebiete, wie Waziristan in den FATA, in Distrikten Belutschistans und den NWFP, fortgesetzt. Im Swat-Tal oder in Bannu fordern die Neo-Taliban immer dreister die Staatsmacht heraus und versuchen der Bevölkerung ihre Version eines rigiden religiösen Fundamentalismus aufzuzwingen17. Zu solchen Maßnahmen gehören die massive Behinderung der Schulausbildung von Mädchen, sowie die Störung von Kampagnen zur Polio-Impfung, Friseur-, Barbier- und Musikgeschäfte werden zerstört18. Mit der bewaffneten Besetzung der Lal Masjid im Sektor G6, in unmittelbarer Nähe zu den Regierungsgebäuden Islamabads, eskalierte in den ersten sechs Monaten 2007 die Talibanisierung auf spektakuläre Weise. Auch hier besetzten die Koranschüler und –schülerinnen inmitten der Hauptstadt Kinderbibliotheken, zündeten CD-Shops an, kidnappten Prostituierte19. Die Forderung hinter diesen Aktionen: Die Einführung der Scharia nach Vorbild der afghanischen Talibangesellschaft. Tausende männliche und weibliche Koranschüler verschanzten sich bewaffnet in dem Gebäudekomplex. Am 3. Juli ergriffen sie das Feuer auf die pakistanischen Sicherheitskräfte, die den Komplex umstellt hatten.20
Die Sicherheitskräfte hatten monatelang mit den Führern der Madrassa um eine Entwaffnung ihrer Schüler verhandelt. Die Beobachter waren sich einig, die Regierung hatte Angst vor den Konsequenzen, sonst hätte sie schon eher die Madrassa mit Gewalt gestürmt. Denn den Komplex zu stürmen, stellte rein technisch kein Problem dar. Doch die gezielten Provokationen der Koranschüler sollten von einflussreichen Mullahs gesteuert worden sein. Ihr Ziel: Bilder zu produzieren, auf denen die Regierung fromme Schülerinnen bekämpft. Tote Koranschülerinnen sollten eine breitere Unterstützung in der Bevölkerung für die streng religiöse Opposition formen. Doch das Gegengeil war der Fall, die immer „dreisteren Eskapaden“21 der Koranschüler und –schülerinnen führten zur Unterstützung einer großen Mehrheit für die gewaltsame Wiederherstellung der öffentlichen Sicherung. Doch seit der Stürmung sind die Prophezeiungen des festgenommenen Leiters der Moschee, Maulana Abd al-Asis, wahr geworden: Etliche Selbstmordattentäter haben ihren Weg in die Großstädte Pakistans gefunden und bedrohen die öffentliche Sicherheit in einem bisher nicht gekannten Ausmaß22.
Den gewünschten Rückhalt oder gar eine gestiegene Sympathie für die Radikalen lässt sich indes nicht beobachten. Im Gegenteil, Anschläge und Attentate verunsichern die Bevölkerung. Die Parlamentswahlen vom 18. März zeigten dies deutlich: Das ultrareligiöse Wahlbündnis MMA hat enorm an Stimmen verloren. Die zwischenzeitliche Akzeptanz in der Bevölkerung schwindet zusehends. Die so oft beschriebenen Radikalisierung der Gesellschaft ist mit dem Wahltag im März züruck gegangen und hoffentlich gestoppt.
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1 Vgl. Koelbl / Ihlau (2007): Geliebte, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan; S. 77
2 Vgl. Hussain (2007): Frontline Pakistan. The Struggle with Militant Islam; S. 17f.
3 Vgl. Wright (2007): Der Tod wird Euch finden. Al-Qaida und der Weg zum 11. September; S. 202f.
4 Vgl. Hussain (2007): S.28f
5 Anfang der 90er Jahre war die pakistanische Regierung durch den Bürgerkrieg in Algerien und den Anschlag auf das World Trade Center unter internationalen Druck geraten. Insbesondere die USA und Ägypten warfen Islamabad vor, durch die Unterstützung des als fundamentalistisch geltenden afghanischen Präsidenten Gulbuddin Hekmatyar, einem ehemaligen Mujaheddin, islamistischenTerroristen mit zu fördern. Vgl. Pohly (2001): Afghanistan: Die Freunde der Taliban. Ausländische Interessen in Afghanistan
6 Besondere Führsprechung erhielten die Taliban von Innenminister Naseerullah Babar. Dieser betrieb die Eröffnung einer Handelsroute von Quetta über die afghanischen Städte Kandahar und Herat nach Turkmenistan, ohne die nominelle Regierung Afghanistans zu konsultieren. Die Talibanstrukturen dienten dem Schutz der Route, die bis heute die wesentliche Schmugglerroute von Zentralasien nach Südasien darstellt. Vgl. Wilke (2003): Pakistan: Der fragile Frontstaat. Die Außen- und Sicherheitspolitik eines schwierigen Partners, S. 21f.
7 Vgl. Wright (2007): S. 285
8 Vgl. für einen kompakten Überblick über die Schmuggleraktivitäten der Taliban und pakistanischer Verbündeter: Rashid (1998): Pakistan and the Taliban; in Maley, William (Hrsg.): Fundamentalism reborn? Afghanistan and the Taliban; S. 76f.
9 Vgl. Wilke (2003): S. 22
10 Vgl. International Crisis Group (2002): Pakistan: Madrassas, Extremism and the Military; Asia Report No. 36; S. 19
11 Vgl. Wagner (2007): Außenpolitik Pakistans zwischen Kaschmir und Afghanistan; in APuZ 39; S. 36
12 Vgl. Rashid (2000): Taliban. Islam, Oil and the New Great Game in Central Asia; S: 183f.
13 Vgl. dazu ausführlich Riek (2007): Pakistan zwischen Demokratisierung und “Talibanisierung”; in APuZ Nr. 39; S. 25ff.
14 Vgl. Hussain (2007): S. 25 und S. 50
15 Hussain spricht von tausenden militärischen Madrassen [vgl. Hussain (2007): S. 77]. Die International Crisis Group sprach 2002 davon, dass ca. 10 Prozent aller Madrassen extremistisch orientiert wären [vgl. International Crisis Group (2002): S. 2]. Bezogen auf die Zahlen von Riek, der die Gesamtzahl der Madrassen auf 50.000 bis 80.000 schätzt [vg. Riek (2007): S. 28], wären dass annähernd so viele wie Hussain vage prognostiziert. Der pakistanische Innenminister Moinuddin Haider hingegen bezifferte 2002 die extremistischen Madrassen auf 285 [vgl. Newsline Karachi (Januar 2002): “For those who don’t obey the law, we will have to enforce it.”– Interview; http://www.newsline.com.pk/NewsJan2002/newsspecialjan1.htm]
16 Seit die Regierung Zia ul-Haqs 1977 bis 1988 die Ausbreitung der Madrassen zur Rekrutierung für die Mujaheddin forcierte, haben die Gottesschulen wesentliche finanzielle und politische Unterstützung durch Saudi Arabien erhalten. Saudi Arabien hat einerseits ein ideologisches Interesse an einer Verbreitung der streng sunnitisch orientierten wahabitischen Islaminterpretation in Zentralasien, andererseits ein geopolitisches Interesse an der Ausweitung seines Einflussbereiches insbesondere seit dem Großmachtsstreben des Iran. Vgl. Massing (2001): Die Taliban
17 Zur aktuellen Entwicklung im Kampf gegen die Neo-Taliban und ihren al-Qaida Schützlingen in den einzelnen Regionen Pakistans siehe die Online Seite http://www.longwarjournal.org. Unterschiedliche Südasien Korrespondenten haben diese unabhängige Seite mit aktuellen Meldungen zum Long War (Global War on Terror) gegründet, um Journalisten und Analysten größtmögliche Recherchemöglichkeiten zu bieten.
18 Vgl. Riek (2007): S. 29
19 Vgl. u.a. DAWN (31. März 2007):The creeping coup
20 Vgl. DIE WELT (6. Juli 2007): Pakistan setzt Armee gegen fanatische Koranschüler ein
21 Siehe Riek (2007): S. 30
22 Zwei Tage nach der Stürmung der Lal Masjid starben bei etlichen Selbstmordattentaten in den NWFP über 70 Menschen, am 17. Juli sprengte sich ein Attentäter bei einer Massenkundgebung von Benazir Bhuttos PPP in der Hauptstadt in die Luft. 17 Menschen wurden getötet. Zahlreiche weitere Attentate wie in Peschawar und der Garnisonsstadt Rawalpindi folgten, bevor bei dem blutigsten Anschlag in der Geschichte Pakistans auf die aus dem Exil zurückkehrende ehemalige Premierminsterin Benazir Bhutto 139 Menschen in Karachi ihr Leben verloren. Nach weiteren „kleineren“ Anschlägen ereilte Pakistan der bisherige Höhepunkt der Gewalt am 27. Dezember 2007, als bei einer weiteren Wahlkampfveranstaltung Benazir Bhutto und 20 ihrer Anhänger bei einem Anschlag getötet wurden.




Ein Kommentar
Viel zu kompliziert! Wer wirklich für den Terror verantwortlich ist, weiß doch jeder:
http://g3ro.wordpress.com/2008/02/22/enthullungsvideo/