beschreit eine Studie des DIW. Zu Unrecht. Die Grundmelodie des morgen zu veröffentlichenden Papiers wurde wieder einmal im Vorhinein weit gestreut. Erst im gedruckten Spiegel, dann auf bei SPON vorab veröffentlicht, kommentierte gestern der Tagesspiegel . Heute ließ sich der Sozialist und linke Soziologe Michael Hartmann nur unterbrochen von den Stichworten der Moderatorin Anne Gesthuysen aber deFacto ungefragt dazu aus: Die Mitte befindet sich im Überlebenskampf und ist von der Armut bedroht. Endlich bekommt Marx recht.
Die Taktik kennen wir schon von den leukemiekranken Kindern, die gehäuft in der Nähe von Atomkraftwerken leben sollten. Nicht die Studie wird zuerst veröffentlicht, sondern die gewünschte Bewertung. Nicht das falsifizierbare Zahlenwerk sondern ein für die Journaille handverlesenes Extrakt, das dann seinen Weg in die Zeitungen, ins Internet und in diesem Fall gar ins Fernsehen findet. Der Eindruck von der ungerechten Gesellschaft, in der die Reichen immer reicher und nun auch die nicht mehr ganz so armen immer ärmer werden, wird so audiovisuell in´s Hirn geprügelt. Richtig ist er nicht.
Erstens verzerrt der Zeitraum der Studie. 2000 herrschte zwar auch keine Vollbeschäftigung. Aber die Republik befand sich am Ende dessen, was Gerhard Schröder ”mein Aufschwung” nannte. 2006 - das Ende des Vergleichszeitraums liegt just am Ende einer tatsächlichen Rezession, in dem die ausgewiesene Arbeitslosigkeit in der Spitze 5 Millionen Menschen betragen hat. Dass die in dieser Zeit ihre Einkommenssituation nicht verbessern, dürfte wohl offensichtlich sein. Wäre der Vergleichszeitraum auf das zweite Aufschwung-Jahr 2007 ausgedehnt worden, der vermeintliche Schrumpfungsprozeß wäre weit geringer.
Zweitens berücksichtigt der Vergleich die Nettoeinkommen. In jener Zeit wuchsen aber gerade für Durchschnittsverdiener die Belastungen für Steuern und Abgaben exorbitant. Ein Teil der rund 6 % Verschiebungen dürfte auch auf gestiegene Sozialversicherungskosten, die weggefallene Pendlerpauschale und vergleichbare Ursachen zurückzuführen sein.
Drittens wird das durchschnittliche Netto-Einkommen mit rund 16.000 € netto angegeben. Bei einem Zwei-Personen-Haushalt wären das immerhin schon 32.000 €, ein vier Personen-Haushalt verfügte über 64.000 €, das sind mehr als 120.000 DM. Netto. Also nach allen Steuern und Abgaben. Bei 40 % Sozialabgaben und einem Grenzssteuersatz von 15 % würde sich ein Bruttoeinkommen von 142.222, 22 € ergeben. Die 55 % Steuern und Abgaben bewegen sich bei 78.222,22 €, wovon 20 % als Arbeitgeberbeiträge nicht auf dem Lohnzettel erscheinen, aber durch die jeweiligen Arbeitnehmer erwirtschaftet werden sollen.
Drittens: Wer 70 % oder weniger von 142.222 € verdient, ist nach der Definition des DIW nicht mehr Mittelschicht und damit von Armut bedroht. Das ist ein Brutto-Jahreseinkommen von 99.555,55. Netto bleiben davon 44.800 Euro übrig. Nach der DIW-Definition ist ein vierköpfige Familie mit einem Netto-Monatseinkommen von 3733,33 € von Armut bedroht. Oder weniger. Wer aber eine so hohe Einkommensklasse als Absteiger und Verlierer definiert, muß sich die Frage stellen lassen, wie die Statistik aussähe, wenn ein realistischer Wert angenommen würde. Schon die deutsche Armutsforschung geht ja von der Hälfte des Durchschnittseinkommens aus, einer vierköpfigen Familie blieben danach nach der DIW-Grundlage netto 2666,67 € im Monat. Ist man dann wirklich von Armut bedroht?
Viertens war ja eine Veränderung gewünscht. Als Langzeitsarbeitsloser erhielt man bis 2004 Arbeitslosenhilfe, die sich am bisherigen Lebensstandard orientierte. Sie wurde aus Steuergeldern finanziert. Der Lebensstandard des arbeitslosen Ingenieurs wurde von den Steuern und Abgaben der arbeitenden Kassiererin finanziert, die diesen trotz ihrer Erwerbstätigkeit gar nie erreichen wird. Deshalb wurde die Arbeitslosenhilfe durch Hartz IV abgelöst: Der Konsens von 40 Jahren Sozialpolitik war dahin: “Wer aufgrund der produktivitätsorientierten Lohn- und Einkommenspolitik seinen Arbeitsplatz verliert, wird mit dem Erhalt des Lebensstandards entschädigt. Bei angeblich vier Millionen Arbeitslosen und einem Heer von ABMlern, Frührentnern und abgefundenen Arbeitslosenhilfe-Empfängern war das schlicht nicht mehr zu bezahlen. Hartz IV senkt den Erwartungslohn , das Einkommen, zu dem der Arbeitslose wieder bereit ist, eine Arbeit anzunehmen. Und das ist gut so, selbst wenn man dann nur noch 70% oder die Hälfte oder gar weniger des “mittleren Einkommens” erzielt.
Übrigens schafft nach der Studie trotz der exorbitanten Einkommenshöhen eine erkleckliche Anzahl der mittleren Einkommen den Sprung in die Oberschicht, wo mehr als 150% des Einkommens erzielt werden, also mehr als 96.000 € Netto oder 181.000 Brutto. Immerhin rund 20% der Mittelschicht haben nach Angaben des DIW diesen Sprung geschafft.
By the way: Ich habe hier eine unzulässige Verallgemeinerung eingeführt, weil ich zwischen Steuern und Abgaben nicht differenziert habe. Bis zur Beitragsbemessungsgrenze schlägt die Abgabenkeule unnachgiebig zu, danach wird erst die Einkommenssteuer wirksam. Aber in der Summe sind 55% bereits ein ordentlicher Mittelwert, zumal sich die Nettozahlen alleine auch schon sehen lassen.
Es ist erschreckend, das keiner diesen Unsinn nachrechnet. Ausser mir. Der Mitte in Deutschland geht es offensichtlich prächtig.



13 Kommentare
“Es ist erschreckend, das keiner diesen Unsinn nachrechnet. Ausser mir.”
LOL, der könnte von mir sein.
Lustig die Idee die Mitte wegrechnen zu wollen. Sogar im real existierenden Sozialismus gab es übrigens (bzw. “natürlich”) eine “Mitte”.
Heute ist der 04.03.2008, also ist meine (wg. Mac-Allergie verhängte) Posting-Sperre vorbei. Ein Glück, denn derAndere hatte schon die Nase voll davon, mich zu vertreten… Also nun wieder das Original:
Ja, diese Rechnung überzeugt - danke immer wieder für die KLAREN Daten!
Aber vor EINEM habe ich Angst:
Dass Du irgendwann beweist, dass meine Abgaben über 100 % liegen! Dann wäre ich immer ein Krimineller, sobald ich noch etwas von meinem Brutto übrig behalte!
Lasse es bitte nie dahin kommen,
freundliche Grüße,
derNeue
Abhängig von Deinem Einkommen: So s o l l st Du Dich fühlen. Sei dankbar für jede Mark, die die Sozialstaatsmafia für Dich verschwendet…
> Nicht die Studie wird zuerst veröffentlicht, sondern
> die gewünschte Bewertung.
> Nicht das falsifizierbare Zahlenwerk sondern ein für
> die Journaille handverlesenes Extrakt, das dann
> seinen Weg in die Zeitungen, ins Internet und in
> diesem Fall gar ins Fernsehen findet.
Stimmt, das greift um sich. Orwellesk, wäre es nicht so dämlich und durchsichtig. Allerdings ist die Methode wirksam, insofern doch: orwellesk. There’s method to this madness.
Du schreibst, dass laut der Studie das durchschnittliche Netto-Einkommen rund 16.000 € entspricht. Ist hiermit allerdings der Durchschnitt aler Bundesbürger oder nur der aller Erwerbstätigen gemeint? Letzteres erscheint mir logischer, allerdings rechnest du so als wäre ersteres der Fall. Es wäre gut, wenn jemand das klären könnte.
Zudem wird die Tatsache, dass bis 2000 ein stärkeres Wachstum herrschte als bis 2006, in der Studie keineswegs unterschlagen, im Gegenteil. Zitat: “Zum besseren Verständnis der makroökonomischen Einflüsse wird die Analyse der Einkommensmobilität für zwei Fünfjahreszeiträume durchgeführt, die durch einen deutliches Wachstum (1996–2000) beziehungsweise Stagnation (2002–2006) gekennzeichnet sind” (S. 104).
http://www.diw.de/documents/publikationen/73/79586/08-10-1.pdf
Vielen Dank für den Link. Der war gestern nachmittag, als ich den Text schrieb, nicht verfügbar. Leider fehlt mir im Moment die Zeit, die ganze Studie zu lesen und zu bewerten (ausserdem zahlt mir keiner dafür Schmerzensgeld.)
Trotzdem kann man aus dem Überflug einige erste Erkenntnisse gewinnen:
1. Es handelt sich nicht um eine statistische Erhebung der tatsächlichen Einkommen auf der Basis der offiziellen Statistik des Bundesamtes, sondern um die Ergebnisse einer Meinungsumfrage von Infratest DIMAP, dem “sozio-ökonomischen Panel” (SOEP). Das macht die Sache schon mal weniger genau, weil ja nicht die Lohnzettel eingesehen werden, sondern man sich auf die freiwilligen Angaben verlassen muß, die von einer “StichproNbe” gemacht werden - am Telefon!
2. Ich hatte als Quelle nur die Spiegel-Grafik, die ich auch bei Spiegel Online verlinkt habe, zur Verfügung. Dort ist vom mittleren Netto-Einkommen pro Person die Rede. Tatsächlich handelt es sich um den Median der befragten Stichprobe, also den Wert, auf dem jeweils 50% der Befragten ein höheres und 50 % ein niedrigeres Einkommen angeben haben.
3.Dieser Median bezieht sich auf das NETTO-Einkommen je Person. Er schließt also alle Erwerbs- und Einkommensarten ein (vom Erwerbseinkommen über das Einkommen aus Land- und Forstwirtschaft, aus Kapital, aus selbstständiger Arbeit, aus Pacht und Vermietung, Rente, Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe, Wohngeld, Grundsicherung etc - es gibt insgesamt mindestens 154 Sozialtransfers, einen werde ich schon vergessen haben). Auch unterscheidet er nicht zwischen Kindern, Erwerbsfähigen und Rentnern.
4. Die Studie mag zwei 5 Jahreszeiträume verglichen haben, bei SPON und Spiegel in den Heute-Nachrichten, im Morgenmagazin wird die Entwicklung von 2000 und 2006 verglichen. Das bleibt unredlich.
Das ganze bleibt ein Gefälligkeitsgutachten der Sozialstaatsmafia zur Erhaltung der zur Umverteilung benötigten Arbeitsplätze, deren Kosten dem Volksvermögen angelastet werden.
P.S.: das Durchschnittseinkommen lag nach der Studie bei 19.000 € und stieg seit 1996 um 10%.
wenn solche Leute wie Hartmann über Gesellschaft schreiben, dann ist es als ob sie über Marsmenschen schreiben, denn diese zumeist äusserst infantilen Charaktäre leben üblicherweise abgeschottet in winzig kleinen, sich selbst auf inzestiöser Weise gegenseitig zitierenden Kommunikationszusammenhängen, insbesondere linken Zirkeln, weitgehend isoliert und entfremdet von der wirklichen Gesellschaft. Ihre Hirne sind zumeist vollkommen kontaminiert mit ideologischer Pseudowissenschaft, welche die Funktion hat den fehlenden Realitätsbezug zu kaschieren. Intelligent sind zumeist auch nicht. Titel in solchen sozial- u.geisteswissenschaftlichen Fächern sind nicht aussagekräftig, da mit Leichtigkeit wirklich für jeden erreichbar. Auch für das Arbeiterkind. Alfred Schmidt hat das bereits vor langer Zeit bewiesen. Wer behauptet, dass Arbeiterkinder oder Frauen mit Doktortitel so gut wie keine Chance hätte aufzusteigen, der lebt nicht in dieser Welt. Doch er sollte es, und zwar möglichst rasch. Es ist nämlich nicht einzusehen, dass der Steuerzahler weiterhin gezwungen wird solchen Leuten ein Leben in Saus und Braus auf der TH DA oder sonstwo zu finanzieren. Der vormalige Professor für Soziologie hätte dann endlich eine Chance aufzusteigen. Ob er dabei so erfolgreich wie das Arbeiterkind oder die Frau mit oder ohne Doktortitel wäre, wage ich sehr zu bezweifeln.
Also daß die Mittelschicht wegschmilzt, ist m.E. evident. Nur sind die Ursachen eben im mehr als die Hälfte der Arbeitseinkommen enteignenden Fiskalterrorismus gegen die Bevölkerung zu suchen und nicht in einem nebulösen Mangel an Wohlfahrtsetatismus.
Im übrigen ist auch wahr, daß die “rich and well-connected”, also mit Big Business/Big Government verflizte Oberschichtler immer reicher werden.
Daß die Realeinkommen sinken (schon durch Inflationssteuer –> fiat money System!) ist ebenfalls nicht zu bestreiten.
Die Mittelschicht sinkt nur dann, wenn man die Armen statistisch immer reicher rechnet. Ansonsten bleibt sie. Enteignet werden alle. Die Armen müssen schon 40 % Sozialversicherungsbeiträge abdrücken.
Die Armen stellen sich aber durch etatistische Enteignung schlechter als die anderen, die eher noch ein paar Schäfchen ins Trockene bringen können. Das ist ja die Pointe: Wie kann man als Sozialist Sozialist sein?
http://www.willisms.com/archives/vanishingmiddleclass.gif
“Für die Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens einer Bedarfsgemeinschaft werden alle Einkünfte durch die Summe der Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft geteilt, dabei geht nach der neuen OECD-Skala die Bezugsperson des Haushaltes (Hauptbezieher des Einkommens) mit dem Faktor 1,0 in die Gewichtung ein, alle anderen Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft über 14 Jahre mit 0,5 und alle anderen mit 0,36. Das bedarfsgewichtete Pro-Kopf-Einkommen ist also in einem Mehrpersonenhaushalt höher als das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen, weil Synergieeffekte und unterschiedliche altersspezifische Bedarfe berücksichtigt werden. Bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren würde das Haushaltseinkommen nicht Pro-Kopf durch vier, sondern durch 2,1 geteilt werden.”
http://www.erfurt.de/imperia/md/content/veroeffentlichungen/statistik/a_2007_07.pdf
Ein Trackback
[...] vom dramatischen Abstieg in die Mittelschicht bedroht. Schließlich ist nach der hier zitierten DIW-Studie ein Brutto-Einkommen von 142.222,00 € die Wasserscheide zwsichen Reich und Arm (für eine [...]