In den letzten Jahren wurden 50.000 Moslems aus den verschiedensten muslimischen Staaten über ihre Sicht auf den Westen befragt. Nun sind die Daten in Buchform veröffentlicht worden. In der WELT stand ein Text, der die wichtigsten Ergebnisse zusammenfasste. Grundsätzlich ist es erfreulich zu lesen, ein paar Anmerkungen habe ich aber trotzdem.
„Selbst die Sympathisanten des islamistischen Terrorismus hassen nicht unsere Freiheit, sie wollen unsere Freiheit, um sich selbst entfalten zu können“, sagt die Muslimin und Co-Autorin Dalia Mogahed über die sieben Prozent „politisch radikalisierter“ Muslime, die die Terroranschläge vom 11.September 2001 rechtfertigen.
Dieses Fazit von Mogahed verstehe ich nicht. Sie hassen unsere Freiheit nicht, sondern wollen sich in dieser Freiheit selbst entfalten? Okay, und warum wollen sie dann den Westen zerstören und verachten unsere Werte? Vielleicht, weil sie eben doch nicht so sehr auf Frauenwahlrecht stehen?
Ihr Kollege Esposito sekundiert: „Sie hassen uns nicht für das, was wir sind, sondern für das, was wir tun.“ Antiamerikanismus speise sich nicht aus der Abscheu gegenüber westlichen Werten und Prinzipien, sondern aus dem, was die Muslime an konkreter US-Außenpolitik am eigenen Leib erführen. Konkret heißt das: Parteilichkeit im Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zugunsten Ersterer sowie die Unterstützung mehr oder weniger offen diktatorischer islamischer Regime wie Ägypten, Pakistan und Saudi-Arabien.
Zuerst einmal: Warum und wie erfährt ein Moslems aus Indonesien, aus Marokko oder aus Pakistan den Nahostkonflikt am eigenen Leib? Außerdem ist es auch kein Zeichen von Parteilichkeit, wenn die USA den Endlösungsplänen der Hamas nicht folgen und Israels Existenz garantieren. Da wird eine Selbstverständlichkeit mit Parteilichkeit verwechselt. Und warum denken die Moslems bei der US-Außenpolitik nicht auch an den Kosovo, wo es die USA waren, die einen Genozid stoppten? Oder an die Hilfe während des Tsunamie, um nur zwe Beispiele zu nennen?
So sehr die Muslime offenbar westliche Werte schätzen, so wenig halten sie die westliche Leitmacht USA für einen vertrauenswürdigen Protagonisten des Werteexports. Lediglich die Hälfte aller befragten Muslime glauben, dass die Amerikaner tatsächlich demokratische Strukturen in der arabisch-islamischen Welt verankern wollen. 24 Prozent der Ägypter und Jordanier und gar nur 16 Prozent der Türken vertrauen in dieser Frage auf Washingtons Außenpolitik.
Immerhin 50% glauben, dass die USA demokratische Strukturen schaffen wollen? Das ist erfreulich! In Deutschland dürfte der Wert hingegen noch unter dem der Türkei liegen.
„Hilfe bei der wirtschaftlichen Entwicklung“ und „Heraushalten aus unseren inneren Angelegenheiten“ rangieren an zwei und drei im Katalog des besseren interkulturellen Verständnisses.
Das schließt sich aus. Die wirtschaftliche Entwicklung kann nicht ohne politische/gesellschaftliche Fortschritte (und zwar massiven) erfolgreich sein. Im Übrigen ist es keine innere Angelegenheit, wenn Schwulen gehängt oder Frauen gesteinigt werden, denn Menschenrechte sind keine innere Angelegenheit.
Ein Kommentar
Ich würde die Studie nicht zu ernst nehmen. Sie steht erstens im Widerspruch zu allem, was sonst an empirischen Material vorliegt, und zweitens sind die Schlußfolgerungen politisch fragwürdig. Dies mag daran liegen, dass einer der Autoren, John Esposito, ein notorischer Beschöniger islamistischer Akteure ist. Sein Lehrstuhl in Georgetown wird in großem Umfang von der saudischen Regierung finanziert.
Vielleicht sind meine Bemerkungen zur Studie ja von Interesse:
http://weblog-sicherheitspolitik.net/2008/02/28/islamismusumfrage-von-gallup-grund-zur-entwarnung.aspx
Ein Trackback
[...] Der Westen ist bedroht, weil er eigentlich nicht gemeint ist. Auch wenn Al Jazeera sich aus merkwürdigen Quellen finanziert und furchtbare Videos von Kindern in Palästina veröffentlicht werden, die den Grad der Indoktrination im frühesten Alter zeigen. Auch wenn Al Quaida das Internet zur Entwicklung eines digitalen Terrorismus nutzt, der Ausbildungscamps in Afghanistan überflüssig macht. Mit dem Internet, den Massenmedien, dem Mobiltelefon ist es wie mit der Erfindung Gutenbergs und der lutherschen Bibelübersetzung. Sie war das Ende der pfäffischen Diktatur und der Instrumentalisierung der christlichen Religion zum Machterhalt mittelälterlicher Potentaten. Bis zur Proklamation der Aufklärung hat es Jahrhunderte gedauert, dass heutzutage alles schneller geht, schafft aber Hoffnung. [...]