Weder Kollektivismus noch Neoliberalismus!

Blogger-Kollege Oliver Luksic macht auf einen ZEIT-Artikel aufmerksam, in dem Otto Graf Lambsdorff und sein Neffe Alexander u.a. über den Begriff des “Neoliberalismus” diskutieren.

Was die beiden Diskutanten in dem Gespräch äußern, ist gleichermaßen korrekt wie aufschlussreich:

“Die soziale Marktwirtschaft, wie wir sie in Deutschland praktizieren, wurde von Neoliberalen wie Ludwig Erhard, Wilhelm Röpke und anderen entwickelt. Die haben sich auch so genannt und trotzdem dafür gesorgt, dass die Wirtschaft nicht der brutale Kapitalismus wird, der auf nichts mehr Rücksicht nimmt. Ich bleibe dabei: Ich bin ein Neoliberaler.”

“Besser neoliberal als neosozialistisch. Neoliberalismus ist gerade die Veränderung des eindimensionalen Wirtschaftsliberalismus, die Abkehr von Kapitalismus pur, hin zu einer Form, die dem Staat eine Rolle als Wächter des Wettbewerbs gibt.”

Leider können die beiden mit Empirie und Logik nicht allzuviel anfangen. Es findet sich kein Hinweis daraus, wann und wo es diesen “Kapitalismus pur” oder den “brutalen Kapitalismus, der auf nichts Rücksicht nimmt” jemals gegeben hat. Und sofern es ihn jemals gegeben hat - wie hat er sich geäußert? Und inwiefern hat er sich in einer Form geäußert, dass man sich genötigt sah, den Neoliberalismus zu “entwickeln”, in dem der Staat dafür “sorgt”, dass die Wirtschaft nicht der “brutale Kapitalismus” wird und zu einem “Wächter des Wettbewerbs” wird.

Beide sind offensichtlich gleichermaßen damit überfordert (anders als die zitierten Ordoliberalen Erhard und Röpke), eine ethische Fundierung für den Kapitalismus (bzw. für die von ihnen favorisierte Variante einer “sozialen Marktwirtschaft”) zu formulieren. Stattdessen beschränken sie sich auf belanglose Allgemeinplätze, die in völlige Beliebigkeit ausarten. Wenn man in den zitierten Textstellen den Begriff “neoliberal” durch “neosozial” austauscht, würde die (inhaltsleere) Aussage sich überhaupt nicht verändern.

7 Kommentare

  1. Sky
    Di, 25. Mär 2008 geschrieben in 19:13 | Permalink

    Der “Manchester-Kapitalismus”, den auch unsere Kleinen in der Schule lernen, ist eine Legende, der “Kapitalismus” hat nie zur Ausbeutung geführt, zumindest sind mir keine Beispiele bekannt.
    Dennoch sollte man mit Worten vorsichtig sein, statt Kapitalismus eher mit dem Begriff Marktwirtschaft arbeiten und natürlich Präfixe (und Suffixe ;) meiden.
    “Neo” liest sich so als ob der Konservativismus oder Liberalismus versagt hätte, unsere Wirtschaftsprofessoren denken oft nicht an die Massentauglichkeit (und übrigens auch semantische Richtigkeit) ihrer Kreationen.
    Rein sprachlich war der Linke dem Konservativen oder Liberalen schon immer überlegen, das muss aber nicht so bleiben. ;)

  2. Constantin
    Di, 25. Mär 2008 geschrieben in 19:52 | Permalink

    Sky…das Thema mit dem Kapitalismus hatten wir schon;-) - Kapitalismus ist die bestmögliche Wirtschafts- und Sozialordnung. Viele Marktwirtschaften sind nicht kapitalistisch (z.B. in Rotchina oder auch in der BRD) und das ist das Problem.

    Beim Manchester-Kapitalismus gebe ich dir da recht - er hat zu mehr Wohlstand geführt (relativ und absolut), vor allem für die “Ärmeren”.

  3. Sky
    Di, 25. Mär 2008 geschrieben in 21:25 | Permalink

    Noch einmal: “Kapitalismus” ist doppelt schlecht, erstens ist es ein linkes Kampfwort und zweitens impliziert es, dass ein Lehrsystem vorliegt bei der Marktwirtschaft, dass dieses abgelöst werden könnte auf natürliche Art und Weise im Sinne einer natürlichen gesellschaftlichen Fortentwicklung. Und dem ist nun mal nicht so.

  4. Mi, 26. Mär 2008 geschrieben in 13:03 | Permalink

    Um jetzt mal die beiden alten Herren zu verteidigen - der Neoliberalismus sollte ja nicht die “Ausbeutung” durch ein kapitalistisches System vermeiden, sondern, wie oben ja auch richtig bemerkt, staatlicherseits den Wettbewerb sichern. Denn ein völlig ungeordneter Wettbewerb führt ja auch zu Monopolen und Kartellen - diese zu verhindern soll das “Neo” in Liberalismus ermöglichen. Und das ist dann auch sinnvoll: also Kartellbeschränkung. Und nur das, nicht mehr.

  5. Constantin
    Mi, 26. Mär 2008 geschrieben in 13:14 | Permalink

    Die Absicht der beiden Grafen mag durchaus gerechtfertigt sein. Es stellt sich nur die Frage, ob es überhaupt Monopole gibt (die nicht staatlich und auch nicht staatlich geschützt sind) und welche Kartelle tatsächlich funktionsfähig sind (ohne staatlichen Schutz wie bei der OPEC oder der EU).

  6. Sky
    Mi, 26. Mär 2008 geschrieben in 15:04 | Permalink

    Es gab mal ein Öl-Monopol in den Staaten, von anderen nichtstaatlichen Monopolen habe ich auch nichts gehört. Sehr interessante Fragestellung, die Bildung von Monopolen in Marktwirtschaften ist m.E. alles andere als natürlich.
    Kennt jemand noch andere Monopole?

  7. Mi, 26. Mär 2008 geschrieben in 17:33 | Permalink

    Ich fühle mich ein wenig erwischt, weil ich auch nach längerem Nachdenken kein Beispiel liefern kann. Hab das allerdings auch nicht studiert… (wo sind denn die ganzen VWLer hin?). Allerdings kenne ich auch keine Volkswirtschaft, in denen Kartelle nicht ohnehin aktiv staatlich verhindert werden - so dass die Beispiele gar nicht erst entstehen konnten. Ist es nicht in Russland in der Übergangszeit zumindest zu Oligopolen gekommen?

    Es bleibt lediglich ein Bauchgefühl, dass eine marktbeherrschende Stellung bei konsequentem Ausbau auch irgendwann zu einem Monopol führen kann, wenn das nicht von einer Autorität verhindert wird.

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