Kafka, Lidl und die Stasi

Der Stern hat aus den zugespielten Protokollen einer (!) Dedektei das gemacht, was CNN eine “developing story” genannt hätte. Der schwäbelnde Reporter Marcus Grill, dessen Idiom die Undercover-Recherche in Neckarsulm und Umgebung erleichtert haben mag, durfte gar auf dem Sessel bei Johannes B.(löd) Kerner Platz nehmen, der unterstützt vom noch späteren Talker Domian knallhart nachfragte. Irritierend war nur, dass der WDR-Gast sich den Selbstbräuner nicht nur ins Gesicht sondern offensichtlich auch zuviel davon auf die nun ganz braunen Handflächen geschmiert hatte. Zurück zu Lidl.

Ganz abwägender öffentlich-rechtlicher Journalist versäumte es Kerner, einen O-Ton des Discounters einzuholen, so dass der Mann vom Stern ordentlich auflagensteigernde Eigenwerbung betreiben konnte, ohne Gefahr zu laufen, mit kritischen Fragen konfrontiert zu werden. Der Talkmaster als Stichwortgeber.

Iljoma Mangold ( der Name verdient Erwähnung) hat bei sueddeutsche.de die Absurdität der “Überwachungsprotokolle” unter der schönen Überschrift “Kafka würde bei Lidl kaufen” schön heraus gearbeitet. Der Vergleich mit Qualität und Quantität der Stasi-Berichte entbehrt nicht der Grundlage. Wenn das Unternehmen tatsächlich die Anzahl von Tatoos und Piercings, Beziehungen und Gewohnheiten zur Kenntnis nehmen wollte, würde schnell die Zeit für das Kerngeschäft verloren gehen.

Das war in der DDR nicht anders, die vermutlich an zu vielen Spitzeln krankte, deren umfangreiche Reportagen aus dem sozialistischen Alltag niemand mehr vollständig bearbeiten konnte, zumal als Vervielfältigungsmöglichkeiten Techniken zur Verfügung standen, die vor der Erfindung der Druckerpresse genutzt wurden, um das Wort Gottes zu verbreiten: Durch Abschrift.

Deshalb macht es auch keinen Sinn, dem Unternehmen zu unterstellen, es wolle systematisch das Verhalten in den Pausenräumen ausspähen. Wahrscheinlicher, dass hier einige Schnüffler übers Ziel hinaus geschossen sind, vielleicht befeuert von einem voyeuristischen Filial- oder Bezirksleiter.

Lidl behauptet, dass diese Maßnahmen ergriffen wurden, um dem regelmäßigen Warenschwund auf die Spur zu kommen und den ein oder anderen unbeobachteten Griff in die Kasse zu dokumentieren. Natürlich kommt der angestellte Ladendieb in der Stern-Berichterstattung nicht vor, das könnte ja nach einer Rechtfertigung riechen und den Skandal entwerten.

Denn mittlerweile wissen wir, dass Lidl nicht alleine ist, sondern alle anderen Discounter und Supermarktbetreiber (vermutlich auch Kaufhauskonzerne) zu vergleichbaren Mitteln greifen. Denn wie die Financial Times Deutschland schreibt, klauen die Mitarbeiter mitunter wie die Raben. Alljährlich gehen den Einzelhändlern nämlich Warenwerte in Höhe einer Mrd € durch die MIttat der Kollegen durch die Lappen. Geld, das die Verbraucher über die Preise mitbezahlen müssen. Trinkgeld sozusagen.

Ein Kommentar

  1. Eloman
    Sa, 5. Apr 2008 geschrieben in 20:16 | Permalink

    Wie schon mein Bruder als ehemaliger Filialleiter eines Discounters aus der Praxis zu erzählen wusste: “Am meisten geklaut wird von Mitarbeitern und Stammkunden!”

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