Den Arbeitsplatzbesitzern

sind die Arbeitslosen völlig egal Die zahlen nämlich keine Gewerkschaftsbeiträge. Und deshalb fehlt ihnen eine eigene Interessenvertretung. Wenn die IG Metall also gestern eine “Kampagne” gegen Leiharbeit gestartet hat, geht es ihr um neue Mitglieder unter den Leiharbeitern und nicht darum, den Arbeitslosen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern. Im Gegenteil.

Das Zweite Deutsche Fernsehen ist derzeit “dran”. Es betreibt diese Woche das öffentlich-rechtliche Frühstücksfernsehen, die Nachrichten in der Vormittagsschiene und das Mittagsmagazin. Immer wieder läuft der Bericht eines ausgebeuteten Leiharbeiters, der sein Gesicht nicht zeigen will, weil er um seinen schlecht bezahlten Job fürchtet. Das macht den kleinen Einspieler zum konspirativen Kabinettsstückchen. Der arme Mann klagt, er habe Arbeiten verrichten müssen, die man der Stammbelegschaft nicht zugemutet habe. Und dafür auch noch weniger Geld gekriegt. Der Job, den er allerdings nicht verlieren will, ist nicht die Leiharbeit. Sondern der Arbeitsplatz, den ihm ein Unternehmen angeboten hat, an das er vorübergehend ausgeliehen war.

In Wahrheit ist der Mann also ein Beleg für die Hypothese, dass Leiharbeit häufig in feste Anstellungsverhältnisse mündet. Ihre Erleichterung hat vermutlich sehr zum schnellen Abbau der Arbeitslosigkeit beigetragen. Das Beschäftigungsrisiko wird nicht vom Auftraggeber getragen, der bei Aufnahme in die Stammbelegschaft nicht nur die Kosten für die Arbeit sondern auch für die möglicherweise notwendige Entlassung inkl. Kündigungsfrist, Arbeitsgerichtsprozeß, Abfindung und Sozialplan kalkulieren muß. Der Preis der sozialen Sicherheit der Arbeitsplatzbesitzer ist gleichzeitig eine Beschäftigungsschwelle für Arbeitslose. Die wird durch die Leiharbeit vorübergehend gesenkt.

Der nach wie vor zu starre Arbeitsmarkt - Schlagwort Kündigungsschutz - ist einer der entscheidenden Gründe für den mangelnden Wandel der deutschen Wirtschaft und zu wenige neue Unternehmen, die neue Produkte mit hohen Margen herstellen, von denen sich auch ordentliche Löhne zahlen liessen. Stattdessen haben wir zuviele Unternehmen, die sich auf gesättigten Märkten bewegen, auf denen sich nur mit der Preisführerschaft ein Blumentopf gewinnen lässt. Und bei sinkenden Preisen lässt sich der Gewinn eben nur mit Stück-Kostensenkungen durch Produktivitätssteigerung erhalten. Und wenn die Produktivität schneller wächst als die Menge der absetzbaren Güter, sind ein paar Mann zuviel an Bord - wie unlängst etwa bei BMW.

Dabei ist die Verkürzung von Produktlebenszyklen und die Wandlung vom High-Tech-Produkt zur Massenware besonders fatal, wie das Beispiel Nokia zeigte. Als man in Bochum 1989 den Grundstein für ein Werk für Mobiltelefone legte, waren die Preise für Endgeräte astronomisch und der ökonomische Erfolg ungewiß. Sicher war, dass ein Markt allenfalls in den entwickelten Volkswirtschaften entstehen würde, wo sich Geschäftsleute ein teures Gerät und die ebenfalls teuren Gebühren leisten könnten. Bei einem hohen - subventionierten - Investitionsvolumen war die Marktnähe entscheidender wie die Höhe der Arbeitskosten.

Das hat sich binnen eines Jahrzehntes geändert. Selbst in Afrika entsteht ein veritabler Mobilfunkmarkt und bei der Herstellung eines “Handys” zählt nicht mehr die Mark sondern der Cent. Und da spielt die Höhe der Arbeitskosten dann plötzlich eine Rolle. Und die Nähe zum Markt. “Handys kaufen keine Handys” hätte Henry Ford heute gesagt. Und der Wachstumsmarkt für Mobiltelefone liegt nicht mehr in einem Land, in dem es allenfalls Ersatzbedarf gibt, weil mittlerweile mehr Verträge im Umlauf sind als wir Einwohner haben und die sinkenden Preise der Gesprächsminuten den Netzbetreibern einen immer geringeren Spielraum für die Subvention der Endgeräte lassen.

Die Epoche der Industriegesellschaft ist vorbei. Aus ihren klassischen Feldern lässt sich schon seit Jahrzehnten kein Wachstum generieren. Hier wird allenfalls Stillstand finanziert.  Neue Unternehmen brauchen die Chance, ihre MItarbeiter zu Beginn niedriger zu bezahlen, am Gewinn zu beteiligen und “kostengünstig” zu entlassen, wenn die Produktivität die absetzbare Menge übersteigt.

Aber das ist den Gewerkschaften egal. Obwohl sie das Double S “sozial” und “solidarisch” allseits im Munde führen, sind sie lediglich Interessenvertreter derer, die Arbeit haben. Gewinnmaximierer, wie jedes andere Unternehmen, weil es ihnen um die Steigerung der Mitgliedsbeiträge geht. Und vom Eigennutzaxiom getrieben, weil sie ihre Existenz mit einem gesamtwirtschaftlichen Schaden erkaufen. Seit Jahrzehnten. Schön, dass der Herr Huber das in der FAZ mal mitgeteilt hat.   

Update: In der FTD geht er noch weiter und denkt ansatzweise in die richtige Richtung: Gewerkschaften als unpolitische Service-Organisation.

Ein Trackback

  1. Von Aufgelesen « iuf - freie menschen, freie märkte am Sa, 12. Apr 2008 um 00:10

    [...] dass auch gestandene Ökonomen immer mal wieder einen Blick in ein Lehrbuch werfen sollten. Euckenserbe schreibt über In- und Outsider. Und bei La Deutsche Vita kann man lesen, wie der [...]

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