“Die jüdische Kultur kommt selbst in unserem Bewusstsein nicht mehr vor”

Setzen Sie sich entspannt vor den Bildschirm, schenken Sie sich ein Kaffee ein und freuen Sie sich auf ein geistreiches Gespräch zwischen Amos Oz, Katharina Hacker und Michael Krüger in der gestrigen WELT:

Krüger: Ich erinnere mich an den ersten Besuch von Yoram Kaniuk bei mir in Deutschland. Er war der erste israelische Schriftsteller, den ich kennenlernte und der mir sagte: “Warum kommen meine Eltern nicht in deutschen Romanen der Gegenwart vor?”.  Ich konnte ihm diese Frage nicht beantworten. Zwar hat meine Generation an dem Holocaust und den politischen Vorgängen in Israel ein großes Interesse gezeigt, aber ich konnte ihm nicht beantworten, warum die deutschen Schriftsteller nicht nach Israel gefahren sind, um dort den Spuren der deutschen Kultur nachzugehen. Ich konnte ihm nicht sagen, warum meine Generation jeden Winkel von Mallorca kennt, aber nur ein ganz bestimmter Typus von Menschen nach Israel gefahren ist. [...] dass unsere Generation nicht ein Interesse daran hatte, sich mit einem Teil der eigenen Geschichte und Kultur, nämlich den jüdischen Teil in Israel zu beschäftigen oder mit den dort Lebenden darüber zu diskutieren, das ist eine Schmach. Wir - nicht wir beide jetzt, aber die Deutschen allgemein - haben die deutsch-jüdische Kultur nicht nur vernichten wollen und zum großen Teil auch tatsächlich vernichtet, sondern waren darin offenbar auch so gründlich, dass diese Kultur selbst in unserem Bewusstsein nicht mehr vorkommt. Offenbar liegt darin der Grund, warum kein Schriftsteller ganz schnell nach Israel fuhr, um diese Spuren zu sammeln. Heute gibt es, Gott sei dank, den Jüdischen Verlag, in dem einige wichtige Werke erschienen sind. Aber dass es die Art Bücher, die Amos eben beschrieben hat, nicht in Deutschland gibt, dass deutsche Intellektuelle und Schriftsteller nicht dieselbe intensive Vorstellungskraft von Israel haben wie umgekehrt, das ist leider wahr. Wir haben alle möglichen Erbe gerettet. Aber das jüdische haben wir nicht gerettet, und das ist kurios. Das müssen wir uns zum Vorwurf machen, und natürlich bleibt der Vorwurf, dass wir die Reste der deutsch-jüdischen Kultur in Israel, diesen Teil von uns, nicht gerettet haben. Das ist der Hauptvorwurf, der unserer Generation, den 68ern, zu machen ist.

Das gesamte sehr lesenswerte Gespräch finden Sie hier.

Ein Kommentar

  1. Marques
    So, 20. Apr 2008 geschrieben in 15:04 | Permalink

    Welche Bücher genau mag Krüger meinen (”…kein Schriftsteller ganz schnell nach Israel fuhr, um diese Spuren zu sammeln. Heute gibt es, Gott sei dank, den Jüdischen Verlag, in dem einige wichtige Werke erschienen sind.”)?

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