olle Kammelle aufgewärmt

Wenn mit kranken Kindern Politik gemacht wird, widert mich das an. Besonders ekelerregend war der Versuch des Bundesamtes für Strahlungsforschung, endlich irgendwie einen Zusammenhang zwischen der Wohnortnähe zu Kernkraftwerken und Krebserkrankungen unter Kindern zu konstruieren.  Die kritische Würdigung des Kinderkrebsregisters war dem Bundesamt nicht deutlich genug, obwohl bereits im Dezember zu einer reißerischen Vorabveröffentlichung genutzt, die einer kritischen Nachprüfung kaum standhielt.

Bereits am 11. Dezember war klar, dass der angebliche Wirkungszusammenhang - der durch nichts bewiesen ist - nicht der Erwartungshaltung der Auftraggeber der Studie genügte. Man hatte einfach das falsche Setup gewählt (Text nicht schmerzfrei, wird aus dokumentarischen Zwecken abgebildet) kann auch überflogen werden:

. Weitere Analysen durch die Auftragnehmer

7)    Die Berechnungen zum Attributivrisiko waren im Auswerteplan nicht vorgesehen. Für die Kommunikation der Ergebnisse an die Politik und Öffentlichkeit ist eine Angabe des der Wohnortnähe zum Reaktor zuzuschreibenden Risikos und zum bevölkerungsbezogenen Risiko unverzichtbar.
8)    Im vorliegenden Fall wurden die Berechnungen nicht korrekt durchgeführt.
-    Es wurde lediglich die 0-5 km-Region um die Atomstandorte berücksichtigt, während die übrigen Anteile des Untersuchungsgebietes außer acht blieben, obwohl auch dort signifikant erhöhte Risiken berechnet wurden.
-    Die Bezugspopulation für die Berechung des Anteiles aller Krebs- und Leukämiefälle bei Kindern unter 5 Jahren ist nicht korrekt bestimmt. In der Konsequenz wurde der tatsächlich auf die Wohnnähe zu Atomstandorten zurückzuführende Anteil der Krebsfälle unterschätzt.
-    Statt der von den Autoren allein für die 0-5 km Region angegebenen zusätzlichen 29 Krebsfälle bei Kindern unter 5 Jahren muss von mindestens 121-275 zusätzlichen Neuerkrankungen im Umkreis von 50 km um alle westdeutschen Atomstandorte im Zeitraum zwischen 1980-2003 ausgegangen werden. Dies entspricht 8-18 % aller im 50 km Umkreis um Atomanlagen aufgetretenen Krebserkrankungen bei unter 5jährigen Kindern.
-    Bezogen auf alle im Deutschen Kinderkrebsregister gespeicherten Erkrankungsfälle im gleichen Zeitraum entspricht dies einem Anteil von 1,03 - 2,35 %. Bei dieser Zahl muss davon ausgegangen werden, dass es sich hierbei um eine Unterschätzung handelt, weil designbedingt nicht alle betroffenen Kinder erfasst werden konnten. Dieses Risiko liegt erheblich über dem von den Autoren berichteten 0,22%.
9)    Die Autoren schreiben, dass „… aufgrund des aktuellen strahlenbiologischen und strahlenepidemiologischen Wissens die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden kann.“
Im Gegensatz zu den Autoren ist das externe Expertengremium einhellig der Überzeugung, dass aufgrund des besonders hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder sowie der unzureichenden Daten zur Emissionen von Leistungsreaktoren dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden kann. Darüber hinaus sprechen mehrere epidemiologische Kausalitätskriterien für einen solchen Zusammenhang. Es ist jetzt Aufgabe der Wissenschaft, einen Erklärungsansatz für die Differenz zwischen epidemiologischer und strahlenbiologischer Evidenz zu finden.
10)    Die Autoren der Studie führen zur Erklärung des von ihnen nachgewiesenen Risikos um Atomkraftwerke noch unbekannte Faktoren (sog. Confounder), nicht näher beschriebene Selektionsmechanismen oder den statistischen Zufall an. Alle drei Erklärungsansätze hält das externe Gremium angesichts der Studienergebnisse für unwahrscheinlich.

Deshalb hat man nun weitere Experten beauftragt, die nun endlich das gewünschte Ergebnis herbeirechnen sollen. Und die kommen nun endlich auch zum gewünschten Ergebnis, indem sie den Schätzungen des Ergebnisses folgen: Je weiter man von einem Atomkraftwerk entfernt wohnt, desto grösser die Wahrscheinlichkeit aufgrund der Nähe zu diesem Atomkraftwerk an Krebs zu erkranken, wenn man erstens unter fünf Jahren alt ist und zu einer natürlich nach wissenschaftlich Kriterien ausgewählten Kontrollgruppe gehört. Anders gesagt. Kinder unter Fünf können westlich und östlich des Mississipi Krebs bekommen.

Aber nicht mal das reicht.  Selbst der Edel-Vorwärts, die FR warnt vor allzu kurzen Schlüssen auf der Kommentarseite. Und selbst ein von der Bundesanstalt für Strahlenschutz verlinkter “wissenschaftlicher Aufsatz” kommt zur Erkenntnis:

Aufgrund der deutlichen Abhängigkeit des Risikos vonder Entfernung zu den Standorten der Kernreaktoren gibt es Hinweise auf mögliche Zusammenhänge, aber keine Beweise.

 

Schließlich kann von der faktisch nicht vorhandenen Strahlung nicht auf die vermeintlich signifikante Erhöhung geschlossen werden, schreibt der Autor. Viel Lärm und nichts. Schon wieder oder immer noch.

Ein Kommentar

  1. Jörg Walter
    Mi, 23. Apr 2008 geschrieben in 17:43 | Permalink

    Es gibt einen plausiblen Zusammenhang:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Nocebo-Effekt

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