Dieser Beitrag von Zuppi aus dem Blog Philologisches Klo wird unter einer Creative Commons Lizenz (Quellenangabe, Weitergabe unter gleichen Bedingungen) wiedergegeben. Das Original findet sich hier.
Amstetten in Niederöstereich. Es ist Tag 4 seit dem Offenbarwerden der Inzesttragödie in der niederöstereichischen Kleinstadt,ein reges Medieninteresse begleitet die Findung der Wahrheit über die Umstände dieser unglaublichen Tat des mittlerweile 73 Jahre alten Familienvaters Josef F., der über 24 Jahre seine Tochter in einem elektronisch gesicherten Kellergewölbe gefangen hielt, sie missbrauchte, mit ihr 7 Kinder zeugte und ein Kind aus diesen inzestuösen Handlungen im hauseigenen Heizbrenner verbrannte.
Geradezu bizarr ist die Vorstellung, dass in den Obergeschossen des unheimlichen Gebäudes “normal family life” abgelaufen sein soll, dort will aus der Familie keiner das über Jahrzehnte andauernde Martyrium im Keller mitbekommen haben.Begründung soll der autoritäre Charakter des hochkriminellen Familienoberhauptes sein. Die Gemeinde Amstetten wiederholt diese Inszenierung des nicht Wissens prototypisch, diese Abwehrmechanismen sind allerdings keine Ausnahme, Gemeindepolitiker stellen sich regelmässig sowohl hinter ihre Bevölkerung als auch die potenziell zuständigen Institutionen. Man wusste nichts von der Tragödie, man konnte nichts davon wissen. Ein Einzeltäter ohne Mitwisser oder Mittäter ist da noch das beste zu ermittelnde Ergebnis für das Kollektiv.
Die Aufarbeitung in der Gemeinde erfolgt durch kerzentragende Ansammlungen, kollektive Reden, die im Zeitalter des Internets von der Zivilgesellschaft organisiert werden und peripathetische Spaziergänge der Schuldabwehr. Volkes Mund tut Wahrheit kund: In einem Passanteninterview auf den Trottoirs Amstettens, ausgestrahlt im heutigen ZDF-Mittagsmagazin, wird neben der Trauer natürlich der Vergleich zur Neuen Welt - sprich den USA - bemüht: In den USA würde der gemeine Waldbewohner solch eine Tat natürlich täglich erwarten, aber doch nicht im Land des Heurigen und Maibaumtanzes. So ist diese unglaubliche Tat doch noch zu etwas gut: Die notorische Abgrenzung zu Nordamerika,wo der Individualismus beheimatet ist,ist immer anzubringen. Einem 73 jährigen alten Knacker kann man natürlich nicht Slipknot, Marilyn Manson oder Videospiele als pathologisierende Ursache unterschieben, für die allgemeine kulturalistische Denunziation der liberalen Gesellschaft reicht es aber doch aus. In einem solchen gesellschaftlichen Klima dürfte eine Fallaufklärung nach allen Regeln der kriminalistischen Kunst als eher störend empfunden werden. Es ist ein Kreuz mit Old Europe.
update: bei einer heutigen,freundlichen plauderei im kaffeehaus mit einem gutachter für forensische fragestellungen: “dieser josef fritzl muss auch eine schwere kindheit gehabt haben.”




4 Kommentare
http://simonjustuswalter.blogsport.de/2008/05/01/depesche-gen-keller/
es ist doch so: österreich ist eigentlich ein ostblock-staat. da passieren solche schlimmen sachen. war ja kein einzelfall, man erinnere sich an natacha kampusch. und auch bei uns in der schweiz würde so ein schlimmes verbrechenniemals passieren. so ein bisschen amoklauf mit dem dienstgewehr vielleicht. das iat aber immer schnell und spontan, das umfeld kann da gar nichts tun dagegen. aber kellerhaltung von sexsklavinnen: unvorstellbar. nur schon die strengen bauvorschriften würden dies verhindern. leichen im keller? gespilinnen unter tage? nein. nicht hier! dann schon eher kleine buben in der sakristei. und das bei vollem tageslicht. amen.
“Die Gemeinde Amstetten wiederholt diese Inszenierung des nicht Wissens prototypisch, diese Abwehrmechanismen sind allerdings keine Ausnahme, Gemeindepolitiker stellen sich regelmässig sowohl hinter ihre Bevölkerung als auch die potenziell zuständigen Institutionen.”
Verstehe ich das falsch oder soll das heißen, dass die Amstettener Bevölkerung von diesem Verbrechen wusste und es verdrängte? Das halte ich für äußerst, nein sogar für absolut unwahrscheinlich.
Nein,ex-blond,es geht mir um die Bewältigungsstrategie der Verdrängung an sich.
Selbst die Familie des Täters will nichts von den ungeheuerlichen Straftaten 10 Fuss unterhalb des Hauses mitbekommen haben,das halte ich allerdings für sehr,sehr unwahrscheinlich.