Der Unterschied zwischen Geiselhaft und Pauschaltourismus besteht darin, dass beim Pauschaltourismus die Opfer ihr Lösegeld im Vorhinein selbst bezahlen, bevor sie sich in die willkürliche Hand ihrer Peiniger begeben. So auch wir.
Gebucht war eine einwöchige Nilkreuzfahrt auf einem nagelneuen Schiff mit Flügen nach Hougarda (rotes Meer), von dem aus eine zweistündige Autofahrt nach Luxor erforderlich sein sollte. Nach einem zweitägigen Aufenthalt mit genug Gelegenheit die vielfältigen Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, sollte die Fahrt bis Assuan fortgesetzt werden, wo ebenfalls knapp zwei Tage zur Verfügung stehen sollten, um etwa die vom Veranstalter angebotene vierstündige Wüstenfahrt nach Abu Simbel zu unternehmen. So weit so gut.
„Gutes Schiff“ sagte der ägyptische Reiseführer nach der vierstündigen Fahrt, als er gegen 0.00 Uhr in den Kleinbus zustieg, um uns zum Schiff zu bringen und an der Rezeption in ein Verkaufsgespräch zu verwickeln – nicht ohne für den vom Reisebüro finanzierten Fahrer ein ordentliches Trinkgeld einzufordern. Die beiden halbwüchsigen Mädels, die wie ein Schluck Wasser in der Kurve hingen, wollte er mit einer fiktiven Einladung zur Wasserpfeife ködern, um uns vergeblich allerlei kostenpflichtiges Ausflugsprogramm schmackhaft zu machen. Schließlich forderte er ultimativ 100 € in bar für das Trinkgeld ein, das seine Gesellschaft bereits für das Trinkgeld des Schiffspersonals ausgegeben habe. Wir hatten nur einen 500,00 € Schein, doch es gelang ihm den zu wechseln, bis er uns aus seinen Klauen entließ. Bei der Gelegenheit erfuhren wir, dass das Schiff Luxor bereits am selben Morgen um 5.00 Uhr verlassen werde.
Das Schiff war von 1980 und nicht von 2006, es hatte schon bessere Tage gesehen, weshalb es sich nach Aussagen des Personals auf seiner allerletzten Fahrt vor Außer-Dienst-Stellung befand, die Wände waren leicht angegammelt, in den Bädern platzte die Tapete von der Wand, die jeweils bevorzugten Weinsorten waren jeden zweiten Abend aus, weil offensichtlich nicht mehr nachgekauft wurde. Der Koch verstand es allerdings vorzüglich, aus den ebenfalls zur Neige gehenden Vorräten ein schmackhaftes Tellergericht statt des angekündigten Buffets zu zaubern, auch wenn entweder Fisch oder Fleisch immer irgendwie ähnlich schmeckten.
Statt des angekündigten Verlaufs dümpelten wir ganze drei Tage fest vertäut zwischen besser erhaltenen Exemplaren in Assuan, wo der Eigner auf mehr Gäste hoffte, um wenigstens neben unserer noch ein oder zwei Kabinen zu füllen. Nicht ohne Erfolg. Auf der Hinfahrt waren wir 12 Personen an Bord, auf der allerletzten Rückfahrt immerhin zu zehnt.
Doch schon bald kam uns der alte Kahn vor wie ein sicherer Hort. Denn immer, wenn man auf die Strasse kam, wurde man von einer Horde fliegender Händler, Kutscher, Taxifahrer und bettelnden Kinder überfallen, die ihre Dienste, Tücher aller Art, Papyrus oder einen Segeltörn mit einer Felluka an den Mann bringen wollten. Wer nichts zu bieten hatte, wollte Bakschisch. Die Reichen, so die arabische Philosophie, können den Armen was von ihrem Reichtum abgeben. Um ins Gespräch zu kommen, wurde auch gerne eine beliebige Anzahl von Kamelen für Frau und die beiden halbwüchsigen Mädels (Tochter+Freundin) angeboten.
Bei Kutschfahrten, Kamelreiten und Segeltörn (haben wir natürlich trotzdem alles gemacht – allerdings, wenn wir es wollten) ging das bunte Treiben weiter, das Foto mit den posenden Kamelen, das der zugehörige Treiber unaufgefordert machte, war genauso bakschisch-pflichtig wie die zusätzliche Entlohnung des Schiffspersonals, das die Koffer am Ende vom Schiff zum Kleintransporter trug.
Der musste am letzten Morgen um 7.15 Luxor verlassen, wo wir am Vortag erst um 10.00 Uhr wieder eingelaufen waren. Auf dem Flughafen in Hougarda durften wir dann unseres Abfluges um 18.15 harren. Das erfuhren wir allerdings erst am Vorabend um 21.00 Uhr von einem Anrufer, der wie alle anderen Ansprechpartner nur das tat, was ihm die deutsche Firma ATS (unser Veranstalter) aufgetragen hatte. Im Konvoi mussten rund hundert Kleinbusse, Busse und Taxis von Luxor durch die Wüste geleitet werden, wozu die Polizei die erforderlichen Straßen martialisch absperrte, kein Touristenpolizist ohne Maschinenpistole. Dass diese alltäglichen Karawanen beim gemeinen Ägypter die Meinung über den Tourismus nicht und Terror schon steigert, ist wohl augenfällig.
Der Kontrast zwischen Abu Simbel, dem Tal der Könige und den zahnlosen Alten im Kaftan, die murmelnd im Kauderwelsch auf die Hieroglyphen und Mumien zeigen, zwischen der Schönheit der antiken Tempel und der bewusst zur Schau gestellten Armut, zwischen der wechselhaften Landschaft und den Eselskarren, die voll beladen über die Strasse trotteln, könnte nicht größer nicht sein.
Ägypten ist ein schönes Land. Aber die freundlichen Ägypter hinterlassen den nachhaltigen Eindruck, dass sie nur unser Bestes wollen: Unser Geld. Zwei Lehren sollte man sich aus der trotzdem wunderschönen Erfahrung schließen. Jede Hochkultur – auch unsere (wenn´s denn eine ist) – kann untergehen. Und wer sich auf das Eintreiben von Bakschisch konzentriert, erzeugt keine Wertschöpfung. Die Armut des Landes ist kein gutes Marketingkonzept zur Generierung persönlicher Einnahmen. Sondern ein Ergebnis falscher Prioritäten.



2 Kommentare
Der einzelne Arme hat wahrscheinlich keine Zeit um Prioritäten zu setzen. Tut mir leid, dass kein besserer Eindruck übrigblieb. Jetzt weiss ich wenigstens, dass es 500-Euro-Scheine gibt.
Ich bin halt kein Freund des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in einem Zeitalter, wo mir jeder staatliche Beamte mit irgend einer Begründung aufs Konto schauen kann und aus meinen Abhebungen und Abbuchungen leicht ein Bewegungsprofil erheben.
Die Frage ist nicht, ob der einzelne Arme nicht die Zeit hätte, Prioritäten zu setzen. Sondern, dass ein Land, das subventioniert wird und über nicht unerhebliche Ressourcen aus dem Tourismus verfügt, die falschen setzt.